«Es war wie ein neues Leben»

Er war von ­innerer Unruhe getrieben, litt an ADHS. Doch dann entdeckte der Aargauer ­Stephan Rey ein Medikament, das ­endlich ­Linderung brachte.

Stundenlang flitzt der Fünfjährige mit seinem Velo durch die weiten Felder und Wälder des Aargauer Freiamts. Sein unbändiger Bewegungsdrang und seine innere Unruhe treiben ihn hinaus. Jeden Tag. Bei jedem Wetter.

Das war in den frühen 1970er-­Jahren. Heute sitzt Stephan Rey (53) entspannt in seinem Wohnzimmer im aargauischen Hägglingen. «Ich war ein schwieriges Kind: immer auf Achse, unruhig und konnte mich schlecht konzentrieren.» Die Eltern brachten ihm trotzdem viel Toleranz und Verständnis entgegen.

Später in der Schule fiel es ihm schwer, dem Unterricht zu folgen, er war vorlaut, störte die Mit­schülerinnen und Mitschüler, die schulischen Leistungen liessen zu wünschen übrig. Das Stillsitzen im Klassenzimmer und die Konzentration auf die Aufgaben waren eine Qual. Die Ablehnung der Erwachsenen und vieler seiner Kollegen ihm gegenüber nagten an seinem Selbstbewusstsein.

Ab dem siebten Schuljahr verbesserten sich seine Leistungen, weil der Druck wegfiel, die Sekundarschule schaffen zu müssen. Auch hatte er gute Freunde, liebte Musik und Tanz, trieb Sport und war viel im Freien. Die Liebe zur Natur bewog ihn, eine Lehre als Gärtner zu absolvieren.

Trotz seiner Unrast schaffte er es, sich mit 22 Jahren zum Sozialarbeiter weiterzubilden und später zum diplomierten Pflegefachmann. Stephan Rey unternahm viele Reisen in ferne Länder, bei denen es zu interessanten Begegnungen kam – unter anderem mit dem Dalai Lama in Dharamsala und dem Kinderarzt Beat Richner in Kambodscha. Er hatte auch einige Beziehungen, die aber früher oder später endeten, weil die jeweilige Partnerin mit seinem unsteten Wesen Mühe hatte. Mit 33 Jahren lernte er Hanna kennen. Sie teilte seine Freude am Reisen und die unvoreingenommene Sicht auf das Weltgeschehen. Mit 40  Jahren wurde Rey Vater eines Mädchens – es war ein Wunschkind.

Nach aussen hin waren sie eine glückliche Familie, doch seine zunehmende Unruhe wirkte sich auf das Zusammenleben aus. Als ihr Kind fünf Jahre alt war, trennten sich Hanna und Stephan, teilten sich jedoch das Sorgerecht und die elterliche Obhut. Sein vorlautes Verhalten und seine undiplomatische Kritik an seinen Vorgesetzten brachten ihn auch an seinem Arbeitsplatz als Pfleger in Schwierigkeiten.

Schliesslich wurde der allgemeine Leidensdruck so gross, dass er mit 45 Jahren professionelle Hilfe suchte. Nach inten­siven Abklärungen stellte ihm die Fachärztin Ilona Maier die Diagnose: Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung (ADHS). Stephan Rey: «Ich war erleichtert. Endlich hatte ich eine Erklärung für meine Unrast.» Sie empfahl ihm Ritalin.

Doch er zögerte. Zu viel Negatives hatte er darüber gehört. Um sich ein objektives Bild machen zu können, informierte er sich über das Medikament, den darin enthaltenen Arzneistoff Methylphenidat und seine Wirkungen. Was er erfuhr, überzeugte ihn: Mit 50 Jahren nahm er zum ersten Mal eine kleine Dosis Ritalin. «Die rasche und positive Wirkung war verblüffend», erinnert sich Stephan Rey. «Es war wie ein neues Leben. Ich kam zur Ruhe und konnte mich zum Beispiel stundenlang in ein Buch vertiefen oder konzentriert am Computer arbeiten – in all den Jahren zuvor ein Ding der Unmöglichkeit. Endlich konnte ich mein Dasein in vollen Zügen geniessen.»

Mit Ritalin im Gepäck reiste der Globetrotter kurz nach Therapiebeginn für drei Wochen allein in die USA. «Vorher war für mich das Reisen anstrengend. Ich hetzte von einem Ort zum andern, und wenn etwas nicht so lief, wie ich es wollte, wurde ich gegenüber den Einheimischen ausfällig.»

Die Befreiung aus all den ­Zwängen seines früheren Lebens wirkte sich auch auf sein Liebesleben aus. «Seit drei Jahren lebe ich mit einer wunderbaren Frau zusammen. Wir leben in Harmonie und sind auch sportlich ­veranlagt, schwingen uns oft auf unsere Fahrräder und spielen Badminton.»

Auch beruflich geht es vorwärts. Stephan Rey arbeitet als diplomier­ter Psychiatriepfleger FH für eine Psychiatrie-Spitex im Kanton Zürich. Er besuche Patientinnen und Patienten, die psychische Probleme haben, daheim. «Das Medikament verhilft mir zu Ruhe und innerem Frieden», lächelt Stephan Rey. «Mein Buch zum Thema Ritalin soll Eltern, Lehrerinnen und natürlich vor allem Kindern helfen, den Weg in ein erfülltes Leben zu finden.»

Buchtipp

Stephan Rey: «Warum zum Teufel ­Ritalin? Diagnose ADHS – mein Leben mit und ohne ­Medikament», Cameo-­Verlag, Bern, Fr. 26.90.