Kleine Hürden im Herbst

Dank den Wetterverhältnissen der letzten zwei Jahre geht es den Igeln in der Schweiz ziemlich gut. Dennoch sind die Stacheltiere derzeit im Stress: Zum einen wird ihnen das Fressen «geklaut», zum anderen herrscht vor dem Winterschlaf «Wohnungsnot».

Fressen, fressen, fressen! Das ist derzeit die Hauptbeschäftigung der Igel. Stunde um Stunde wandern sie in den Nächten umher, um sich den Bauch vollzuschlagen – damit sie für den Winterschlaf gerüstet sind. Eine Faustregel besagt, dass dieser beginnt, wenn es etwa eine Woche lang um 0 Grad ist. Aber oft stimmt das auch nicht. «Igel sind eigenwillig und schwer einzuschätzen», sagt Bernhard Bader vom Verein Pro Igel (www.pro-igel.ch). «Denn der Winterschlaf hängt zudem auch vom Verhältnis Tag/Nacht ab und dem Fettanteil, den das jeweilige Tier hat. Letztes Jahr waren noch vor Weihnachten Igel unterwegs.»

Im besonders grossen «Ess-Stress» sind derzeit Jungtiere und viele Weibchen. Diese haben zweimal im Jahr Nachwuchs, kommt der letzte Wurf erst Ende September zur Welt, können die Mütter wie auch die Kinder erst spät anfangen, sich für den Winter Re-serven anzufressen. Erschwerend kommt hinzu, dass Nahrung oft nicht leicht zu finden ist. «Deshalb ist es so wichtig, dass Laub auf dem Boden liegen gelassen wird, denn dort tummeln sich Larven, Spinnen und Käfer. Ich sage immer: Wer Laub entfernt, klaut dem Igel das Fressen», sagt Bader und fügt schmunzelnd an: «Für phlegmatische Gärtner sind die Tiere zudem doch eine tolle Ausrede, sich nicht ums Laub kümmern zu müssen.»

Die Igel zu füttern, ist normalerweise nicht nötig, kann aber sinnvoll sein, wenn sie sehr schwach und dünn sind. Man sollte es jedoch nur nach Absprache mit
Experten tun. «Pro Igel» hat eine 24-Stunden-Hotline (079 652 90 42). Werden die Stacheltiere falsch gefüttert, können sie krank werden. Zudem sind Futterschalen ein beliebter Herd für Bakterien und Parasiten, müssen deshalb nicht nur mit Bedacht gefüllt, sondern auch gleich nach der Mahlzeit wieder entfernt werden.

Sind die Igel bereit für den Winterschlaf, müssen sie eine weitere Hürde nehmen: einen Schlafplatz finden, was heutzutage nicht leicht ist (siehe Box). Trotz aller Herausforderungen meistern die Insektenfresser ihr Leben aber gut. Bader: «Das englische Wetter – warm und feucht – kam ihnen in den letzten zwei Jahren gelegen. Es geht ihnen im Grossen und Ganzen gut.»

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Haben Igel spät Junge, ist wenig Zeit da, Winterspeck anzufressen.

Kleine Bauhilfe für die Igel

Weil Gärten heute meist hübsch aufgeräumt und frei von Dickicht, Totholzhaufen und dergleichen sind, ist es für Igel schwer, ein Plätzchen für den Winterschlaf zu finden. Doch es ist leicht, ihnen zu helfen, wie Bernhard Bader vom Verein Pro Igel aufzeigt (siehe Bilder): Man stapelt Backsteine aufeinander und legt alte Bretter darüber. Platziert werden sollte der Unterschlupf in der Nähe von Strauchschnitt, Laub und langstieligem Heu. Die Igel wollen ihr Nest selbst «einrichten». Igelhäuschen aus dem Handel kommen laut dem Experten oft nicht gut an, da die «Belüftung» dort zu schlecht ist.

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