Mit viel Herzblut hinein in eine neue Ära

Seinen Kindern hinterliess Dimitri (†) eine Welt aus Kunst, Zirkus – und mit Familien­tra­di­tionen. Eine davon: zusammen­halten. Eine andere ist: das Potenzial in Umbruchphasen erkennen. Ein Erbe, das viel fordert!

Er kommt rasant um die Ecke in einem Fiat Cinquecento – das kleine Vehikel von David Dimitri ist perfekt für die engen Gassen in Verscio TI, seit 50 Jahren Sitz des Dimitri-Universums.

Nach dem Tod seines Vaters 2016 musste der Sohn des legendären Clowns die Leitung und Organisation von Stiftung, Theater, Restaurant und den zahlreichen Zusatzgebäuden übernehmen. Nicht ganz einfach für ihn: «Inzwischen habe ich langsam raus, wie es funktioniert.» Dennoch wünscht er sich oft, er könnte seinen Vater um Rat fragen. «Seine Meinung war mir wichtig. Er sah in allem stets das Positive.»

Für den 58-Jährigen, der zwischen seinem Hauptwohnort in der Zürcher Altstadt und Verscio pendelt, ist es die erste Theatersaison, in der er jeden Tag im Tessin ist. «Es ist wichtig, dass jemand von uns Geschwistern an den Vorstellungen anwesend ist. Das Publikum will sehen, dass hinter Teatro Dimitri auch Dimitri ist.»

Es läuft gerade viel: Am Freitag, 17. 9., geht die Feier zum 50-jäh­rigen Bestehen des Teatro Dimitri über die Bühne. Ständig klingelt Davids Telefon. «Hallo Bernie!», begrüsst er den Mitgründer von Mummenschanz. Das interna­tional bekannte Maskentheater ist Teil des Programms am Jubi­läumsanlass. Ebenfalls mit dabei sind Gardi Hutter, Franz Hohler, Toni Vescoli, Nina Corti und Studierende der Dimitri-Schule. Der Rest des Jahres steht weiter im Zeichen des Gedenktags (Tickets und Infos: www.teatrodimitri.ch).

David führt uns durch die Dimitri-­Welt: Neben kleinen Tessiner Steinhäusern gehört eine prächtige alte Villa mit grossem Park dazu. In einem der kleinen Häuschen soll ein Dimitri-Museum Platz bekommen. Die Villa wird saniert. David und seine Geschwister planen einen vielfältig nutzbaren Treffpunkt für Künstlerinnen und Kunstliebhaber: Zimmer und eine Küche für Artisten und Artistinnen, die im Teatro Dimitri auftreten, Sitzungssäle, kleinere und grössere Bühnen, Seminarräume und die Büros der Teatro-Leitung sollen hier untergebracht werden. Und Gruppen privater Schulen, die die Atmosphäre von Dimitris Wirkungsstätte erleben wollen.

Nicht mehr entscheiden können die Dimitri-Geschwister über einen anderen, wichtigen Teil der Dimitri-Welt: die Accademia Dimitri. Seit die Ausbildungsstätte für Bewegungstheater 2004 die Anerkennung als staatliche Hochschule erhielt, ist sie in den Händen einer Schulleitung. Diese plant nun, die Schule aus Verscio umzusiedeln. Ein Schock für die Familie: «Mein Vater hat das zum Glück nicht mehr miterlebt, es hätte ihn gebrochen», sagt David. «Vater hätte aber auch gesagt: ‹Gut, dann machen wir halt etwas anderes.›» David sieht ebenfalls das Positive im Umbruch: «Wenn sie gehen, hat es wieder ganz viel Platz für neue Dinge, kreativ sein, wieder selbst Kurse geben!»

Sie stünden am Anfang einer neuen Ära, bekräftigt Dimitri. «Die ganze Familie wird diesen zauberhaften Karren zusammen durch die Kulturlandschaft ziehen.» Das Erbe ihres Vaters weiterleben lassen, auch wenn das viel Freizeit und Herzblut erfordert: «Wir ziehen alle an einem Strang, haben dieselbe Vision und denken gleich.» Bruder Ivan Müller (59) ist bereits im Stiftungsrat. Auch die Schwestern Nina (55) und Masha (57) sollen mehr und mehr tätig werden in der Organisation. Sie hatten bisher – wie auch David – eigene Projekte und waren nur schwer abkömmlich. Und: Die Arbeit in Verscio wird noch eine Zeitlang nicht entlöhnt werden können.

Davids Einsatz als Theater­direktor und Stiftungspräsident ist ehrenamtlich. «Meinen Unterhalt verdiene ich als Artist.» Er ist künstlerischer Leiter des Winterfests Salzburg in Österreich. Zusätzlich tourt er seit 15 Jahren mit der Vorstellung «L’homme cirque» in der ganzen Welt herum, seine nächste Tournee startet in einer Woche (Infos und Tickets: www.daviddimitri.ch). Sein Vater gab der Ein-Mann-Show damals den letzten Schliff.