«Ich wollte wieder Seich machen»

Er ist längst ­bereit, wieder auf der Bühne zu stehen – nun ist es so weit. Aber auch in den letzten ­Monaten war der Schau­spieler nicht untätig – und entdeckte neue Spielfelder.

Miller’s Studio am Rande von Zürich. In zwei Stunden tritt hier Mike Müller mit seinem Programm «Heute Gemeindeversammlung» auf. Intendantin Andrea Fischer Schulthess erkundigt sich nach den Essenswünschen der Anwesenden. Der Star des Abends ist noch abwesend. Doch der möchte sowieso nur einen Apfel und ein paar Nüsse, und die hat er selbst dabei. Ist die coronabedingte Pause schuld an den paar Pfunden zu viel? Nein, meint er, eher der Rauchstopp. «Aber ich habe schon vor Corona aufgehört», präzisiert der Satiriker. «Ich rauchte 30 Zigaretten pro Tag und fand es toll. Aber jetzt bin ich in einem Alter, in dem man es gesehen hat und ‹gruusig› findet.»

Das Bühnenbild ist aufgebaut – es besteht sowieso nur aus zwei Stühlen und einem Tischchen mit einer Kaffeetasse drauf und – einer Schachtel Glimmstängel! «Die ­paffe ich aber nur», betont der 57-Jährige, der alle Charaktere selbst spielt. Genauso wie in seinem neuen Stück «Erbsache», aber dazu später.

Während unser Fotograf noch nach geeigneten Bildsujets sucht, bespricht sich Müller mit seinem Techniker Pipo. «Ich dachte, du bist alt genug, um an deine Sachen zu denken», meint dieser plötzlich laut. «Das kann doch nicht wahr sein», jammert Müller. Dann lachen sie. Mike hat sein Mikrofon zu Hause vergessen. Die Dinger, extra klein und einfach zu handhaben, sind mehrere hundert Franken teuer. Pipo arbeitet seit 20 Jahren mit Müller zusammen und hat – Zufall? – ein brandneues Exemplar dieser Edelteile im Köfferchen. Alles gut!

Endlich geht es wieder auf die Bühne nach all der Zeit. «Hätte man uns vor einem Jahr gesagt, dass wir so lange warten müssen und es dann nur langsam vorwärtsgeht mit den Öffnungen der Kulturstätten – wir hätten es nicht geglaubt. Nicht glauben wollen.» Der Oltner sagt, er habe versucht, sein Zeug zu machen, sich stets bereit zu halten. Seit Ende des ersten Lockdowns liegt mit «Erbsache» (siehe unten) ein vollständiges neues Stück in seiner Schublade, das am 17. Juni Premiere im Casinotheater Winterthur feiert. «Vor drei Wochen machten wir einen ersten Durchlauf und merkten, dass wir noch dran arbeiten müssen.» Man könne ein Stück nicht im Dezember proben und im Juni spielen. «Das Ganze ist dynamisch. Wir müssen an einigen Stellen noch Tempo reinbringen, an anderen eher bremsen.»

Warum ein Stück über einen Erbstreit? «Bei dem Thema kann man ganz viele Ideen behandeln. Am Ende ist es eine Geschichte über Ökonomie, Feminismus, Bevorzugung, Beziehungen, Ma­nipulation, Liebe.» Zu Recherchezwecken setzte sich Müller in eine Gerichtsverhandlung. Doch die Parteien erschienen nicht, bloss eine Beiständin – ein Flop. Viele Leute stellten Müller ungefragt Akten ihrer Erbstreitfälle zu. «Da stand echt Unglaubliches drin.» Brauchen konnte er auch davon nichts für sein Werk. Müller liess die juristischen Fakten in «Erb­sache» von einem Rechtsgelehrten prüfen. «Die Leute sitzen aber immer noch im Theater und nicht vor Bezirksgericht. Da darf auch mal etwas dramatisiert werden. Die Juristen im Stück können aber natürlich nicht zu viel Seich erzählen.»

Müller ist zufrieden, wie er die Coronazeit bisher überstanden hat. «Wenn man andere sieht, merkt man, wie gut man es selbst zu Hause hat. Das ist ein cooler Wert», meint er. «Wir sind uns daheim nicht auf den Wecker gegangen.» Die Ruhe und Entschleunigung hätten gutgetan. «Wir hielten uns im ersten halben Jahr sehr streng an die Regeln.» Vor allem wegen seiner Eltern. «Da mein Bruder in Berlin ist, besuchte ich sie oft. Mein Vater ist operiert worden, da wollte ich besonders vorsichtig sein und liess mich vor jedem Besuch testen.»

Ende letzten Jahres entdeckte der Wahlzürcher – wie viele an­dere, die auf Publikum angewiesen sind, Social Media. «Bisher kamen die Zuschauer zum Künstler ins Theater. Aber wenn es keine Bühnen gibt, muss der Künstler zu den Zuschauern.» Er habe jedoch nicht den Druck verspürt, sich zu zeigen, den Leuten mitzuteilen: «Hallo, ich bin noch da!» Er habe einfach immer wieder Lust, «Seich zu machen». «YouTube hatte ich schon vorher mal im Kopf, aber nie die Zeit dafür gehabt. Nun stimmte alles, und mit Corona gab es auch noch ein prima Thema für kleine Sketche.» Die stellt er auf YouTube und Instagram. Auf Twitter ist er ebenfalls aktiv – ein Bubenspielzeug, wie er es nennt, bei dem es darum geht, «wer den besten Spruch macht».

Die technische Seite ist allerdings nicht sein Ding. «Ich habe mir Hilfe geholt für Licht und Kamera. Mich interessiert das Schreiben und Aufführen, den Rest lasse ich mir gerne beibringen.» Er kann sich gut vorstellen, seine Online-Aktivitäten weiter auszubauen. Denn im Hinterkopf hat er den dunklen Gedanken, die Sorge, dass die Unterhaltungsbranche in ihrer alten Form nie wieder ganz aufzustehen vermag. «Seien wir ehrlich: Das Theater, das wir heute kennen, ist wohl die älteste Form der Unterhaltung überhaupt.» Bisher hätte sich die Kunst stets dank neuer Technologien weiterentwickelt. Diese Wende ist nun in vollem Gang: Die Künstler gehen zu den Zuschauern beziehungsweise auf deren Bildschirme – gezwungenermassen.

«Erbsache»

Eine strenge Richterin, zwei ambitionierte Anwälte und drei verkrachte Geschwister sollen die Erbmasse eines Verstorbenen teilen. Die beteiligten Juristinnen und Juristen führen die Verhandlung mit viel Umsicht und professioneller Distanz, bis auch sie ihre Grenzen erreichen. Mehr Infos zu «Erbsache»: www.mike-mueller.ch