Wenn ein Wort das andere gibt

Auch wer sich liebt, ist sich nicht immer einig. Wichtig, wenn Sie sich in die Haare geraten: Bleiben Sie fair! Ehe- und Familientherapeut Peter Angst gibt Tipps, wie man klug streitet.

 
„In ehelichen Vorwürfen ist viel Wahres versteckt. In Fachkreisen behauptet man gar: 50 Prozent“, sagt der Schweizer Paartherapeut Peter Angst. „Das wäre erfreulich viel. Überlegen Sie einmal: Das wäre eine anregende Weiterbildungsquelle. Paare entwickeln sich mit ihrer stetigen Kritik. Wenn Vorwürfe und Partnerkritiken mehr in homöopathischen Dosen und liebevoller verpackt wären, könnten sie durchaus eine wunderbare Lebensberatung sein.“

GlücksPost: Herr Angst, über was wird am meisten gestritten?
Peter Angst:
Meistens leider über zu hohe gegenseitige Erwartungen: Dich habe ich geheiratet, Prinz, nun mach mich gefälligst glücklich! Aber auch Alltagsthemen wie Macht und Ohnmacht: Wer ist der Häuptling und wer ist der Oberhäuptling. Über Lastenverteilung: Ich mache so viel und du nie etwas. Kinder und Erziehung: Du verwöhnst unser Kind, oder: Du bist viel zu hart. Geld: Verdammt, es reicht einfach nie. Sexualität: Ach, jetzt hast du schon wieder keine Lust! Essen und Freizeit: Du müsstest dich dringend mehr bewegen und weniger essen.

Ist häufiges Streiten ein Zeichen dafür, dass in der Beziehung etwas nicht stimmt?
Ja und nein. Häufiges Streiten ist auch ein Zeichen für berechtigte Interessenkonflikte und für Veränderungen und Verbesserungen. Aber natürlich sind zermürbende Wiederholungsstreitereien auch Zeichen dafür, dass einander nicht wirklich zugehört wird, dass es an Wohlwollen und Verständnis für den Partner fehlt.
Wie erkennt man, um was es im Streit geht?
Indem man einander exakt zuhört, wenn nötig nachfragt, ausreden lässt und einander für offene Aussprachen genügend Zeit einräumt.
 
Wie kann ein Paar lernen, klug und konstruktiv zu streiten?
Statt dümmlich Anklagen und Vorwürfe machen, lernen, miteinander klug zu verhandeln und nach klugen Kompromissen zu suchen: meine Anliegen, deine Anliegen. Wie können wir es regeln, dass es eine faire und bessere Zukunft gibt: „Was muss ich dir schenken, damit ich mehr von dem bekomme, was ich dringend brauche, Schatz?“ Bei impulsiven Paaren ist es sinnvoll, ein paar Gesprächsregeln festzulegen, vielleicht eine gelbe und rote Karte einzusetzen, Pausen zu machen und den Zeitpunkt für Verhandlungen gut zu wählen.
 
Wie bleibt der Streit konstruktiv?
Wenn beide Partner wirklich bereit sind, immer wieder nach guten und besseren Lösungen zu suchen. Ein lösungsorientiertes Streiten: Was sind mögliche Verbesserungen, meine Wünsche, deine Wünsche, meine Bereitschaft, deine Bereitschaft. Wie und was können wir tun, damit es bei uns fairer und noch gerechter wird?
 
Hat Streiten auch etwas Positives?
Ja, es zeigt, dass beide Partner noch lebendig und interessiert sind an- einander. Sie sind sich noch nicht gleichgültig. Streiten bedeutet auch Aufbruch zu Verbesserungen und eine schönere Zukunft. Ein gutes Streiten verhindert Trennungen und Scheidungen!
 
Was sind Ihre drei wichtigsten Tipps für ein friedliches Miteinander? 

  • Gegenseitige liebevolle Wertschätzung und Anerkennung (einander immer wieder positives Feedback geben: „Schön, dass es dich gibt“, etc.).
  • Fairness und gute Kompromissbereitschaft (auf gute Lastenverteilung achten, ein gutes Team sein).
  • Leben und leben lassen: Meine Zeit, deine Zeit, unsere Zeit (einander auch freie Zeit schenken, eigenes Glück schmieden, aber auch mit viel Aufmerksamkeit und Liebe die gemeinsame Zeit gestalten).

 
Buch-Tipp
Peter Angst: „Paare, wollt ihr ewig streiten?“, Zytglogge Verlag, 25.90 Franken.