Krankheit oder Begabung?

Menschen mit dem Asperger-Syndrom bereitet das soziale Zusammenleben Probleme, da sie Mimik und Gestik ihres Gegenübers nicht zu deuten vermögen. Damit stossen sie oft auf Unverständnis.

Den meisten Menschen fällt es nicht schwer, Kontakte zu anderen zu knüpfen und sich mit ihnen auszutauschen. Für Betroffene mit Asperger-Syndrom sind diese scheinbar leichten Aktionen aber fast ein Ding der Unmöglichkeit. Denn die Betroffenen leiden unter einer tiefgreifenden Entwicklungs- bzw. Kontakt- und Kommunikationsstörung. Sie können sich nur schwer in andere Menschen hineinversetzen und nonverbale
Signale daher auch nicht richtig deuten, was oft nicht sichtbar ist. Vom Asperger-Syndrom, das Teil des Autismus-Formenkreises ist, sind in der Schweiz etwa 25 000 Menschen betroffen.

Beginn im Kindesalter
«Die Erkrankung beginnt grundsätzlich immer im Kindesalter, obschon die Diagnose oft erst im Erwachsenenalter gestellt wird», sagt Dr. Gerrit Steinberg von den Universitären Psychiatrischen Diensten in Bern. Obwohl die autistische Veranlagung lebenslang bestehen bleibt und sich nicht verwächst, können sich die Symptome abhängig von Lebensumständen im Laufe der Zeit abschwächen. Unterstützung im nahen Umfeld, persönliche Ressourcen und verständnisvolle Bezugspersonen können sich positiv auf den Krankheitsverlauf auswirken. Denn auf Verständnis sind die Patienten angewiesen, da sie die Welt ganz anders wahrnehmen als ihre Mitmenschen. «Ihre Sinne konzentrieren sich viel stärker auf kleine Details als auf das grosse Ganze», erklärt Gerrit Steinberg. Sie haben Schwierigkeiten, die Bedeutung eines Gesamteindrucks zu erfassen und richten ihre Aufmerksamkeit auf die unbelebte Umwelt, die rational zu verstehen und stabiler vorherzusehen ist.  Dabei ist ihre Kommunikation sehr explizit: Für sie ist das, was gesagt wird, auch das, was gemeint ist. Da kann ein Sprichwort wie «Rutsch mir den Buckel runter» schon einmal zu einer ungewohnt komischen Aktion führen, da die Patienten diese Worte in die Tat umsetzen wollen, weil sie diese nicht richtig zu deuten vermögen.

Spezielle Begabungen
Viele Menschen mit Asperger-Syndrom haben einen hohen bzw. mindestens durchschnittlichen Intelligenzquotienten (IQ) und weisen zum Teil sehr eindrückliche Spezialbegabungen auf. Diese speziellen Fähigkeiten beziehen sich nicht – wie oft angenommen – vor allem auf den IT- oder Mathematik-Bereich. «Auch Kunst, Sprachen, Geographie oder Geschichte sind Gebiete, für welche die Betroffenen besonderes Interesse entwickelt haben», so Steinberg weiter. Grundsätzlich spreche daher einiges dafür, das Asperger-Syndrom als Variante des durchschnittlich Normalen aufzufassen. «Menschen mit Grosswuchs haben auch Probleme im Alltag, gelten aber nicht
per se als krank.» Denn immer wieder werde die Frage diskutiert, ob Asperger-Patienten krank oder einfach speziell begabt seien.

Förderung und Begleitung
Therapeutisch liegt der Schwerpunkt im Kindesalter auf spezieller Förderung und Begleitung sowie Verhaltenstherapie. Es kann aber auch sein, dass die ständige Reizüberflutung durch die besondere Wahrnehmung zusätzlich medikamentöser Abschirmung bedarf. «Im Erwachsenenalter geht es in erster Linie um Aufklärung über die eigenen Besonderheiten und Förderung von Verständnis für die eigenen Beeinträchtigungen.» Da Menschen mit Asperger-Syndrom oft eine spezielle Beziehung zu Tieren entwickeln und diese als sehr hilfreich erleben, können zum Beispiel (Therapie-)Hunde für Betroffene im Alltag ein wichtiger Stützpfeiler sein. Zudem gibt es moderne Gruppentherapiekonzepte, bei denen als Ergänzung zur Einzeltherapie auch Alltagsstrategien wie Smalltalk, Komplimente machen etc., welche den Betroffenen oft schwerfällt, zum Teil mittels Video-Feedback trainiert werden.

Bekannte ­Personen mit Asperger-Syndrom

Greta Thunberg, Umweltaktivistin

Susan Boyle, «Britain’s Got Talent»-Gewinnerin

Daryl Hannah, Schauspielerin und Umweltaktivistin

Dan Aykroyd, Schauspieler

Anthony Hopkins, Schauspieler