Vom Bruder total terrorisiert

Nachdem er ihre Mutter ermordet hat, droht Jesse nun aus dem Gefängnis, auch seine Schwester Amy zu töten. Diese lebt in grosser Angst und hofft, dass er nicht vorzeitig freikommt.

Als Amy am 25. September 2007 nach Hause kommt, bleibt ihr die Luft weg: Ihre Mutter Hadas liegt tot in einer Blutlache. In ihrem Hals steckt ein Messer. Damit hat sich ihr Sohn zuvor ein Sandwich gemacht und wird von Hadas angehalten, hinter sich aufzuräumen. Diese Aussage wird ihr zum Verhängnis.

Amy weiss, was passiert ist: Die damals 22-jährige Lehrerin muss an diesem Tag Überstunden machen. Während sie arbeitet, erhält sie abwechslungsweise von ihrem Bruder Jesse und ihrer Mutter Anrufe. Sie kann hören, wie sich die Situation daheim zuspitzt. Als sie länger keinen Anruf mehr von Hadas erhält, versucht sie, ihre Mutter zu erreichen – ohne Ergebnis. Ihr Bruder hingegen geht ran und sagt: «Komm besser nicht her, ich habe gerade Mom umgebracht.»

Die Polizei kann nur noch Hadas Winnicks († 55) Tod feststellen. Dem damals 25-jährigen Jesse wird der Prozess gemacht. Das Urteil lautet lebenslange Haft, mit der Möglichkeit einer Begnadigung nach 15 Jahren.

Die 15 Jahre hat Jesse abgesessen und versucht nun, durch eine Anhörung vor Gericht eine vorzeitige Entlassung zu erreichen. Bereits vor einem Jahr hatte er eine erste, ergebnislose Anhörung. Während des Urteils, dem auch Amy beiwohnt, droht Jesse, er würde seine Schwester umbringen, er wisse, wo sie und ihre Kinder wohnen. «Er hat sogar versucht, einen seiner ehemaligen Mitinsassen zu überreden, mich zu töten. Zum Glück ging der Mann zur Polizei, die wiederum mich warnte.»

Nun ist Jesse in Verhandlungen über eine zweite Anhörung. Seine Schwester, heute 37, ist voller Angst. Sie erinnert sich an die Zeit, als sie und Jesse allein mit Hadas aufwuchsen. «Ab einem gewissen Alter terrorisierte er
uns unaufhörlich, meine Mutter konnte ihn nicht stoppen.» Unzählige Male musste die Polizei gerufen werden. Amy fürchtet nun, dass Jesse mit seiner manipulativen Persönlichkeit beim zweiten Anlauf mit seinem Vorhaben durchkommt. «Nachdem sie ihn damals verhaftet hatten, schaffte er es, das Gerichtsverfahren viereinhalb Jahre hinauszuzögern. Er wechselte ständig den Verteidiger. Oder nahm Medikamente, sodass er für ein Verfahren als unfähig eingestuft wurde.» Sie versteht nicht, «warum jemand so Schreckliches wie mein Bruder überhaupt die Möglichkeit erhält, freizukommen».

Über das Trauma, unter dem sie immer noch leidet, hat Amy ein Buch geschrieben. Sie glaubt, dass die Begeisterung in den USA an «True Crime» (wahre Verbrechen) fatal ist. Ob im Kino, am TV oder in Internet und den Medien – überall werden die grausigen Fälle beschrieben und gezeigt. «Meine Mutter und ich liebten ‹True Crime›. Doch man muss unbedingt die Art überdenken, wie man das erzählt. Statt auf den Täter muss man auf die Opfer und deren Schmerz fokussieren. Für jemanden wie mich ist es echt hart, zu hören, dass es Podcasts gibt, die ‹Mein Lieblingsmörder› heissen.»