Mit der Todesnachricht kam die Bestattungsrechnung

Claire F. verlor ihre einzige Tochter Jennifer, die Suizid beging. Für die Mutter ist es ein unfassbarer Schock, wie sie davon erfuhr.

Von Janine Wollbrett

Es ist die schlimmste Nachricht, die Eltern bekommen können – die vom Tod des eigenen Kindes. Claire F. (50) aus Speyer (D) bekam diese vom Ordnungsamt! Eine Woche lang ahnten die Eltern nicht, dass sich Jennifer († 20) das Leben genommen hatte. Dann kam Post vom Fachbereich Öffentliche Ordnung der Stadt Hannover.

Im Schreiben heisst es, dass die Behörde «mit Bedauern» mitteilt, dass Jennifer verstorben sei. Und die Eltern werden mit einer Frist von acht Tagen aufgefordert, ihrer Bestattungspflicht nachzukommen. Dann folgt: «Falls Sie dieser Aufforderung nicht fristgerecht nachkommen, sind wir gezwungen, die Bestattung auf dem Friedhof Hannover zu veranlassen und Ihnen 2500 Euro in Rechnung zu stellen.»

Claire F. sagte unter Tränen zur «Bild am Sonntag»: «Was für ein menschenunwürdiges und pietätloses Verhalten von diesem Amt! So eine Botschaft per Post zu verschicken. Schlimmer und herzloser geht es nicht mehr. Als wäre meine Tochter ein Sachgegenstand und kein Mensch.»

Jennifer lebte seit kurzem in einer WG in Hannover. Zum Jahreswechsel gab es zuletzt Kontakt. Claire F. war deswegen nicht besorgt. «Es war nicht ungewöhnlich, dass wir mehrere Tage nichts von ihr hörten. Sie hatte sich zurückgezogen.» Schon als Teenager hatte sich Jennifer verändert. Sie lebte in ihrer eigenen Welt, war aufbrausend, hörte Stimmen. Mit 17 bekam sie die Diagnose: Schizophrenie. Zuletzt wollte die 20-Jährige das nicht mehr wahrhaben. 2021 floh sie ganze vier Mal aus der Psychiatrie. Die Polizei suchte sogar öffentlich mit Fotos nach ihr. Aufgegriffen wurde sie stets irgendwo im Strassenkinder-Milieu. Doch da die Ärzte bei ihrer Patientin keine Eigen- oder Fremdgefährdung sahen, konnte sie nicht zwangsweise eingewiesen werden. Am 6. Januar 2022 kletterte Jennifer in Hannover auf einen Baukran und sprang.

Die Stadt weist die Schuld an der taktlosen Todesnachricht von sich. «Wir bedauern natürlich sehr, dass die Eltern diese überaus traurige Nachricht auf diesem Weg erfahren mussten», erklärt Stadtsprecher Udo Möller. Doch im «vorliegenden Sterbefall» hätten die Eltern vorrangig auf die Bestattungspflicht hingewiesen werden müssen.

Die Polizei, die normalerweise für die Benachrichtigung zuständig ist, konnte zunächst keine Angehörigen ermitteln. Sprecherin Natalia Shapovalova sagte: «So etwas darf nicht passieren! Wir wussten nicht, dass die Stadt sofort einen Brief an die Angehörigen geschrieben hat. Dies passierte ohne Rücksprache mit der Polizei.» Und weiter: «Der zuständige Beamte hätte eine Mitteilung der Stadt über die Angehörigen erwartet. Im Anschluss wäre dann die Benachrichtigung durch einen Kollegen vor Ort erfolgt.»

Jennifers Eltern helfen diese Worte nicht mehr. Ihr Kind wurde inzwischen nach Aglasterhausen (D) überführt, wo der Vater lebt. Dort haben sie gemeinsam ihr einziges Kind beerdigt.