Ein letztes Mal am Steuer

Jürgen ist 81 und gibt nach 63 Jahren den ­Führerschein ab. Sein Sohn erzählt, wie der Abschied vom Autofahren von sich ging.

Von Holger Karkheck

Am Schluss will Jürgen noch einmal alles abfahren, was ihn durch sein Leben begleitet hat. Zwölf letzte Kilometer im betagten Opel Meriva, nie schneller als 70 km/h. Zur alten Dorfschule in Gross Häuslingen (D), die er mit 14 Jahren verliess, um Metzger zu lernen. Tschüss sagen bei Werner, seinem älteren Bruder. Und Luftdruck prüfen lassen bei Michael Leibner, seinem Kfz-Meister. Zum Arzt ging Jürgen nie, in die Werkstatt allerdings regelmässig.

Jürgen ist mein Vater. Geboren am 24. Juli 1941. Führerscheinprüfung am 19. August 1959. Und heute wird er ihn einmotten. Nach 62 Jahren, 10 Monaten, 13 Tagen. Das Ende kam schleichend. Irgendwann im vergangenen Jahr merkte Papa, dass er sich am Steuer unsicher fühlte. Obwohl er die niedersächsische Provinz, wo die Strassen «Im Tiefen Horn» oder «L 159» heissen, aus dem Effeff kannte.

Er hatte im Laufe der Jahrzehnte erlebt, wie sich die Bundesrepublik mauserte und aus Wegen mit Kopfsteinpflaster Landstrassen wurden. Er erlebte am Nummernschild drei Landkreise, obwohl er nie umzog: FAL für Fallingbostel, SFA (Soltau-Fallingbostel) und HK (Heidekreis). Heidekreis machte Papa nicht mehr mit, sein letztes Auto hatte er schon vorher gekauft. Dafür hatte er HK in der Mitte des Kennzeichens, was für «Holger Karkheck» stand, also für mich. Andere wählten ihre eigenen Initialen, Papa wählte meine.

Mein Vater gehört zur Generation der Wirtschaftswunderkinder. Und wie bei so vielen liess sich auch Papas Aufstieg an Komfort und Leistung seiner Fahrzeuge ablesen. Zuerst ein 175er-DKW-Motorrad für 400 Mark, gekauft gleich nach der Führerscheinprüfung. Autos hatte damals kaum jemand. Gerade einmal 3,5 Millionen gab es in Deutschland, heute sind es 48,5 Millionen. Das Motorrad hatte verchromte Felgen, und auf dem Sozius sass Mama. «Mit Kopftuch – und ihr breiter Rock wehte im Wind, das sah ganz schön aus», sagt Papa. Damit reisten sie bis in die Niederlande zur Tulpenblüte. Bei ihrer Hochzeit 1962 fuhren sie dann im Käfer vor, chauffiert von meinem Onkel Friedel. Mit ihm und Tante Else ging es dann auch auf Hochzeitsreise. Zu viert zum Campen an den Bodensee. Zwei schliefen im Zelt, zwei im Volkswagen. Papa war zeit seines Lebens treu: Mama – und Opel. Er kaufte Rekord um Rekord. Die Kühler verzierte er mit Hufeisen, alte Nummernschilder hängte er wie Trophäen in die Garage. Als Kind wurde ich samstags zum Autowaschen verdonnert.

Später fuhr mich Papa am Wochenende in die Disco. Er blieb davor stehen, kurbelte den Sitz herunter − und schlief, bis ich vom Feiern zurückkam. Geschichten eines Autolebens. Viele Fahrzeuge, viele Anekdoten.

Und nun das Ende? Fällt das schwer? Papa überlegt kurz und meint dann: «Nein, ich merke, dass es nicht vernünftig wäre, noch weiter Auto zu fahren.» Das Leben geht dem Ende zu, da hilft auch keine Inspektion beim Internisten auf Dauer.

Dann ist Feierabend. Motor aus, Schlüssel raus, Tür zu. Papa sagt: «Aber nicht zu billig verkaufen. Der fährt doch noch schön.» Dann geht er zu Fuss mit leicht gebeugtem Rücken in sein neues Zuhause. Eine Seniorenwohnung fernab der Heimat. Aber nur 200 Meter entfernt von seinem neuen Chauffeur. Seine Initialen lauten HK.