Das Albtraumhaus am Deich

Die Familie kaufte ein Haus − und die Stadt Hamburg nahm es ­ihnen weg. Wie ist so etwas möglich?

Von Jan Henrik Dobers

Vorn am Deich fliesst träge und weit die Süderelbe entlang, hinten erstreckt sich eine Pferdeweide. Eine Idylle, die für Familie Kurspahic Heimat sein sollte. Und nun zum Albtraum wurde.

Den Kaufvertrag für ihr neues Heim an der Hamburger Landesgrenze hatten sie schon unterschrieben. Baujahr 1877, 100 Quadratmeter Wohnfläche auf zwei Etagen, 299 000 Euro. Weiter plante die Familie 80 000 Euro für Renovierungen ein. Im kommenden Herbst wollten Hasena (36) und Alen Kurspahic (35) mit ihren Kindern Ema (3) und Said (1) einziehen.

Doch dann meldete sich der Makler mit einer Schock-Nachricht: Die Stadt Hamburg sei eingeschritten, habe der Familie die Immobilie weggeschnappt. Laut Landesbetrieb Immobilienmanagement steht das Haus im Weg, wenn bis zum Jahr 2050 die Deiche erhöht werden. Das erlaubte der Stadt, ihr Vorkaufsrecht zu nutzen − und den Kaufvertrag der Kurspahics aufzulösen. Frau Kurspahic kommen die Tränen, wenn sie darüber spricht: «Ich bin fassungslos. Wir hatten schon die Bodenfliesen ausgesucht! Wo sollen wir jetzt hin?»

Aus Sicht der Verwaltung ist die herzlose Massnahme nötig: Im Extremfall hänge das Überleben der Stadt davon ab. Laut Umweltbehörde müssen die Deiche erhöht werden, um die Stadtteile am Elbufer vor Hochwasser zu schützen. Um jeden Preis will man eine Katastrophe wie im Februar 1962 verhindern, als die Deiche bei einer Sturmflut überspült wurden und 340 Menschen starben.

Also sollen 78 Kilometer Deichlinie um 80 Zentimeter in die Höhe wachsen − und um fünf Meter in die Breite. Betroffen wären zahlreiche Wohnhäuser, die abgerissen werden müssten. Wie viele, kann die Umweltbehörde auf Anfrage der «Bild am Sonntag» nicht mitteilen. Das lasse sich «nur im Rahmen einer Einzelfallprüfung feststellen», schreibt Sprecherin Renate Pinzke.

Solch eine Einzelfallprüfung kostete Familie Kurspahic nun ihr Traumhaus. Am 15. Juli bestätigte ihnen der Landesbetrieb Immobilien: Die Stadt kauft der 96-jährigen Eigentümerin das Haus zur «Sicherstellung des Hochwasserschutzes» für 286 000 Euro ab. Ab April 2023 soll das 151 Jahre alte Haus abgerissen werden.

Noch wohnen die Kurspahics mit ihren Kindern in einer Drei-Zimmer-Eigentumswohnung im nahen Wilhelmsburg. Im Herbst müssen sie raus: Die Wohnung mussten sie verkaufen − Bedingung ihrer Hausbank für einen weiteren Kredit.

Traumhaus weg, Wohnung weg, dazu hohe Kosten: 3500 Euro für den Notar, 9000 Euro Strafzins an die Bank, weil der Kredit nicht in Anspruch genommen wird. Ausserdem musste das Ehepaar 13 000 Euro Grunderwerbssteuer vorstrecken.

Wer trägt Schuld an dem Dilemma? Laut Umweltbehörde hätten Makler und Notar die Familie warnen müssen. Tatsächlich hatte der Notar die Familie auf ein mögliches Vorkaufsrecht der Stadt hingewiesen. Allerdings mit dem Hinweis, das sei «bisher nie vorgekommen».