An einem sonnigen Tag ist es auch im Winter warm genug, um auf dem verglasten Balkon zu sitzen. Willi Valotti (76) blinzelt in die Sonne und blickt zu «seinen» Churfirsten: Vier von sieben Gipfeln sind von seinem Daheim aus zu sehen. Seit drei Jahren leben der Volksmusiker und seine Partnerin Yvonne Betschart (58) in einer Wohnung in Ulisbach. Der Weiler gehört zu Wattwil SG, jenem Dorf, in dem Valotti aufgewachsen ist. Das Paar hat sich vor über 30 Jahren an einem Konzert kennengelernt und lebte vor dem Umzug in einem alten Haus in Nesslau SG.
Es ist spürbar, dass sich Willi Valotti mit dem Älterwerden auseinandersetzt. Nicht nur beim Wohnen, sondern auch bei der Musik. An Silvester hatte er einen seiner letzten öffentlichen Auftritte mit den Alderbuebe. Auch mit Willis Wyberkapelle stehen nur noch wenige Auftritte bevor – fortan nennt sich diese nur noch Wyberkapelle.
«Eigentlich wollte ich mit 75 Jahren aufhören. Jetzt bin ich schon bald 77», sagt er. Für seinen Abschied hat er zwei Gründe. Zum einen spürt er schon seit einiger Zeit, dass seine Finger nicht mehr wie in jungen Jahren mitmachen. «Meine schwierigsten Kompositionen kann ich nicht mehr spielen», sagt er. Ein Gassenhauer à la «Urnerbodä Kafi» sei sicher auch in den nächsten paar Jahren noch kein Problem. Bloss: «Ich habe andere Ansprüche an mich, und ich möchte nicht zu hören bekommen: ‹Jetz darfer denn öppe höre!›.»
Zum anderen wurde Willi Valotti bei seinen jüngsten Auftritten unerwartet nervös. Letzten April gab es zu seinen Ehren eine Abschiedsgala im KKL Luzern mit seinen Formationen und vielen befreundeten Musikanten. «Plötzlich begann ich bei einem eigentlich bloss mittelschweren Stück regelrecht zu zittern», sagt er.
Eine Ausnahme für Dani Häusler
Willi Valotti wirkt mit dem allmählichen Karriereende im Reinen. Er habe sogar schon Konzerte «seiner» Wyberkapelle besucht. «Mir war ziemlich wohl dabei, im Publikum zu sitzen, und ich konnte die Musik geniessen», sagt er. Trotzdem übt der Toggenburger mit italienischen Wurzeln unverändert fast jeden Tag auf seinen vier verschiedenen Akkordeons. Seine Lieblingshandorgel ist eine Cardinal aus Buchsholz, die er sich einst in Italien hat bauen lassen. Anfragen für private Veranstaltungen würde er nicht prinzipiell ablehnen. Auch am diesjährigen Heirassa-Festival in Weggis LU wird Valotti mit seinem Trio nochmals auftreten. Dort waren er und Carlo Brunner (70) zwanzig Jahre lang für das Programm verantwortlich, und der Nachfolger Dani Häusler (52) habe sich gewünscht, dass Valotti nun als Musikant auftritt.
Willi Valotti blickt auf viele schöne Erinnerungen zurück: Bereits mit 14 Jahren hatte er seinen ersten TV-Auftritt beim Volksmusik-Papst Wysel Gyr (1927–1999). Zu jener Zeit sei Volksmusik meist einfacher und weniger virtuos dargeboten worden. Einer der Ausnahme-Akkordeonisten und damit eines von Valottis Vorbilder war Walter Grob (1928–2014), der mit Klarinettist Kaspar Muther (1909–1980) und Pianist Alois Schilliger (1924–2004) die Kapelle Heirassa bildete. 1969 löste Valotti Walter Grob bei Heirassa ab und spielte bis zur Auflösung der Formation 1980 mit. «Heirassa gehörte damals zum Besten, was die Schweiz zu bieten hatte, dementsprechend erhielten wir bereits anständige Gagen», sagt er.
Fans in den USA
Als Jugendlicher war Valotti so ambitioniert, dass er Musik studieren wollte. Er solle erst «näbis Rechts» lernen, wurde ihm jedoch beschieden. So wurde er Plattenleger. Als aber sein Akkordeonlehrer Jakob Waespe (1909–1972) unerwartet starb, wurde er dessen Nachfolger und war plötzlich Musiklehrer von 60 Schülerinnen und Schülern – und auch noch gleich neuer Dirigent des Jodlerklubs Wattwil. Als 17-Jähriger ist er erstmals bei den Alders in Urnäsch AR eingesprungen. Kurz darauf entstand die Formation Alderbuebe. So kommt es, dass er mit Walter Alder (73) schon seit 60 Jahren zusammen musiziert. Parallel zu den Alderbuebe spielte er lange in der hochstehenden Kapelle Syfrig-Valotti mit, ehe 2002 Willis Wyberkapelle entstand.
Mit der Zeit ist Willi Valotti der bekannteste Volksmusik-Akkordeonist der Schweiz geworden. Er war bei unzähligen Projekten auch ein gefragter Studiomusiker, zum Beispiel für Beny Rehmann (1936–2014), Vico Torriani (1920–1998), das Trio Eugster oder die Jazz-Band Hot Strings.
Insgesamt hat er weit über 1000 Musikstücke auf Tonträgern eingespielt. Selber komponierte er rund 200 Stücke, darunter einige sehr anspruchsvolle wie den Foxtrott «Valottria» und etwa 40 Jodellieder. Die Schwyzer Jodel-Professorin Nadja Räss (46) hat schon viele davon dargeboten. «Willi ist eine der wichtigsten Personen in meinem Leben, und seine Lieder sind nicht nur einzigartig und anspruchsvoll, sondern sie berühren auch und sind sehr spannend zu singen.»
Zu Willi Valottis schönsten Erinnerungen zählen die weltweiten Konzertreisen, die er mit seinen Formationen unternahm: «Als wir mit Heirassa durch Amerika tourten, fuhren manche Menschen fünf Stunden lang Auto, um uns zu hören», erinnert er sich.
Musikalisch hat Willi Valotti das Rentnerleben offiziell eingeläutet, nicht aber bei seinen Hobbys, für die er nun mehr Zeit hat: «Böötli fahren und schwimmen im Vierwaldstättersee, wandern, Ski- und Motorrad fahren», zählt er auf. Mit seiner MV Agusta fährt er auch im Winter, wenn es nicht zu kalt ist. Seine liebste Töff-Tour führt ihn über die Schwägalp, über jenen Pass also, der das Toggenburg mit dem Appenzell verbindet.
Das Toggenburg bedeutet für Valotti Heimat: Nach der Lehre lebte er circa zwei Jahre lang im Züribiet, sonst ist er der St. Galler Talschaft treu geblieben. «Kein Wunder, dass ich etwas verknorzt bin», sagt er lachend. Diesen Ruf würden die Toggenburger geniessen, während die Appenzeller einiges aufgeschlossener seien. Dabei wirkt Valotti alles andere als verknorzt: Musikalisch war er stets offen. Nicht nur einheimische Musiker haben ihn inspiriert, sondern auch der amerikanische Jazz-Akkordeonist Art Van Damme (1920–2010) oder der argentinische Tango-Erneuerer Astor Piazzolla (1921–1992). Trotzdem hat Willi Valotti nicht in die World Music gewechselt, sondern ist der Volksmusik ebenso treu geblieben wie seinem Toggenburg.