Fast hätte der Toggenburger Werner Schlegel (23) letztes Jahr den ganz grossen Coup geschafft: Am Eidgenössischen Schwingfest von Mollis GL duellierte er sich mit seinem Nordostschweizer Vereinskollegen Samuel Giger (24) im Schlussgang. Weil dieser aber gestellt ausging, profitierte am Ende ein Dritter: Schwingerkönig wurde der Bündner Armon Orlik (31).
Umso hungriger zeigt sich Schlegel in dieser Saison – und zwar erfolgreich. Schon sieben Schwingfeste hat er gewonnen. Unter anderem gehört er trotz einiger Turbulenzen um seinen umstritten verlorenen vierten Gang zum «Sieger-Quartett» beim Brünig-Schwinget.
«Ich bin sehr zufrieden, wie die Saison bislang verlaufen ist. Wenn ich gesund bleibe und gut trainiere, hoffe ich, dass noch etwas drinliegt», sagt er im Hinblick auf den Kilchberger Schwinget als Saisonhöhepunkt. Danach könne man den Fokus langsam in Richtung Thun legen, wo 2028 das nächste Eidgenössische stattfindet.
Bauern mit Bruder Beni
Obwohl er Zimmermann gelernt hat, gehört Werner Schlegel zu den «schwingenden Landwirten»: In Hemberg SG betreibt sein Vater Ruedi (54) einen Bauernbetrieb mit rund 30 Milchkühen. Vier davon hat Werner Schlegel «erschwungen»: «Das sind schöne Erinnerungen an die Schwingfeste, und eine der Kühe hat sich schon prächtig vermehrt», sagt er.
Zu rund 40 Prozent arbeitet Schlegel auf dem heimischen Hof mit: «Mal mehr, mal weniger. Je nachdem, was beim Schwingen gerade ansteht.» Das theoretische Rüstzeug holt er sich in der Nachholbildung zum Landwirt: Noch zwei Jahre lang drückt er einmal die Woche die Schulbank. Das Bauern ist für ihn ein super Ausgleich: «Wenn ich in der Natur und mit den Tieren bin, schalte ich sehr gut ab.» Oft arbeitet er gemeinsam mit Bruder Beni (27), einem gelernten Landwirt, der den Hof später einmal übernehmen möchte.
Erholung mit Freundin Lea
Zum Glück stösst Werner Schlegel mit seinem nicht alltäglichen Arbeits-, Ausbildungs- und Sport-Pensum bei seiner Freundin Lea Egli (26) auf Verständnis: Egli ist ausgebildete Primarlehrerin und macht aktuell ein Masterstudium als Oberstufenlehrerin.
Das Paar hat sich vor viereinhalb Jahren im Ausgang kennengelernt. Seit zwei Jahren wohnen sie zusammen unweit von Schlegels Hof. Er sagt: «Lea ist ebenfalls an der Landwirtschaft interessiert, so verbringen wir wenn möglich etwas Zeit zusammen auf dem Hof.» Gemeinsames Nichtstun liege aber auch drin, schwärmt er: Meist verbringen die beiden die Abendstunden zusammen. Und nach der strengen Schwingsaison belohnen sie sich in der Regel gerne mit ein paar Tagen Wellnessferien.
Als Schwing-Fan ist Lea Egli bei den Festen meist mit dabei. «Ich glaube nicht, dass sie Angst um mich hat, aber angespannt ist sie jeweils schon», sagt Werner Schlegel. Mit Lea eine Familie zu gründen, werde sicher einmal ein Thema, jetzt aber seien sie beruflich noch zu stark eingebunden.
Absolut parat und fokussiert
Mit geballten Fäusten, grimmigem Blick und aufputschender Rock- oder Metalmusik in den Ohren betritt Werner Schlegel vor einem Gang jeweils die Schwing-Arena. Das sei nicht etwa eine Show, um die Gegner einzuschüchtern, betont er: «Mir ist es wichtig, absolut parat und fokussiert reinzugehen.»
Mit dem Schwinger-Virus wurde er schon früh infiziert: Vater Ruedi war einst Aktivschwinger, und auch seine beiden Brüder hatten trainiert. Als Sechsjähriger erschlich sich Werner seine erste Teilnahme an einem Jungschwingerfest: Eigentlich darf man erst ab acht Jahren mitmachen, doch er schummelte bei der Anmeldung, und niemand bemerkte es.
Als er 16 war, starb Bruder Sämi († 18) an Krebs. Das habe ihn sehr mitgenommen. Er habe aber mit sich ausgemacht, dass sein Leben weitergehe und er das Beste aus der Situation machen müsse, sagte er einst gegenüber «Blick». Heute pflegt er ein enges Verhältnis zu seinem älteren Bruder Beni: «Wir arbeiten nicht nur zusammen auf dem Hof, sondern unternehmen auch viel, zum Beispiel gehen wir am Wochenende mal zusammen Boot fahren.»
Auf dem Schwingplatz ist eine besondere Freundschaft zwischen Werner Schlegel und Damian Ott (26) entstanden. «Als Teenager merkten wir im Training im Toggenburg, dass wir auf der gleichen Wellenlänge sind», sagt Schlegel. Unterdessen hätten sie schon sehr viele Stunden zusammen im Sägemehl geschwitzt. Mit Ott und Schwinger Marcel Räbsamen (25) reiste Werner Schlegel letzten Herbst nach Kalifornien. Die drei machten einen Road-Trip und nahmen an einem Schwingfest von Auslandschweizern teil. «Das war eine coole Erfahrung», meint Schlegel nun, «aber eigentlich brauche ich das Reisen nicht so. Ich bin sehr gern daheim.»