Werner Günthör

Langeweile? Nicht bei «Kugel-Werni»

Was macht der frühere Champion im Kugelstossen am Morgen, jetzt da sein Wecker nicht mehr klingelt? Werner Günthör geniesst den Unruhestand! Der Neo-Pensionär fährt Töff und einen Militär-Jeep der US-Army, pflegt den Garten und sucht ein ­Pedalo.

Thomas Wälti

P1090732.JPG
Ein Herz und eine Seele: Werner und Nadja Günthör im Garten ihres Hauses in Erlach am Bielersee. Sie sind seit 33 Jahren verheiratet. Thomas Wälti

Werbung

Schon am ersten Tag als Rentner wird Werner Günthör Gas geben – auf ­seiner Geländemaschine Yamaha Ténéré 700. «Ich verbringe den 1. Juni mit Töffkollegen in Sardinien. Am Abend stossen wir mit einem Glas Rotwein auf meinen 65. Geburtstag an», sagt die Schweizer Kugelstosslegende. «Kugel-­Werni» verreist ohne Frau Nadja (61) auf die italienische Mittelmeerinsel. «Sie arbeitet noch», flachst der Zwei-Meter-Riese.
«Kommen Sie, wir reden in der Garage weiter. Ich möchte Ihnen meinen Töff ­zeigen.» Der GlücksPost-Redaktor staunt im Einfamilienhaus-Quartier in Erlach BE, direkt am Bielersee: Neben Werner ­Günthörs Motorrad stehen die Honda CB 1000 R seiner Frau sowie ein alter Militär-Jeep der US-Army aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs. «Den Willys MB habe ich selbst renoviert. In diesem Oldtimer stecken ­viele Emotionen. Ich freue mich auf den Moment, mit ihm eine Runde zu drehen.»
Bis zum Erreichen des ordentlichen Pensionierungsalters arbeitete Werner Günthör als Ausbildner im Bundesamt für Sport (Baspo) in Magglingen BE. Dort betätigte sich der Sportlehrer und Spitzensporttrainer von Swiss Olympic auch als Gästeführer und organisierte Kundenanlässe. Für die Zeit nach der Pensionierung braucht der gebürtige Thurgauer keine Tipps gegen Langeweile. Er engagiert sich weiterhin bei der Cornu Master School in Hauterive NE, die vom ehemaligen GP-Rennfahrer Jacques Cornu († 72) gegründet wurde. Die Schule bietet Motorrad-Weiterbildungskurse und Fahrsicherheitstrainings an. «Künftig werde ich mich auch vermehrt mit Gartenarbeiten beschäftigen und mithelfen, unser Haus zu entrümpeln», sagt der letzte Schweizer Leichtathlet, der eine Olympia-Medaille gewonnen hat (Bronze 1988). Was macht er mit seiner ersten Rente? Werner Günthör schmunzelt: «Ich habe mit einem Kollegen ab­gemacht, dass wir unsere Renten zu­sammenlegen, ein schönes Genusshotel aufsuchen und so lange dortbleiben, bis das Geld aufgebraucht ist. Im Ernst: Ich habe mir noch keine Gedanken gemacht, wie ich die erste Rente einsetzen werde.»

Töff-Ausflüge und gute Gespräche

«Ich sehe Werners Pensionierung gelassen entgegen und vergleiche sie mit seinem Rücktritt vom Spitzensport 1993. Diesen Abschnitt haben wir auch problemlos ­gemeistert», sagt Nadja Günthör. Die ­gelernte Coiffeuse, die heute als diplomierter Personal Coach und Ausbildnerin arbeitet, freut sich auf Töff-Ausflüge und gute Gespräche mit ihrem Liebsten auf der Terrasse. «Wir kleben nicht rund um die Uhr zusammen. Ich mache mir keine ­Sorgen, dass wir uns künftig in die Quere kommen.» Werner und Nadja Günthör sind seit 33 Jahren verheiratet. Bei einem früheren Besuch verriet die SVP-Gross­rätin der GlücksPost das Geheimnis ihrer glücklichen Ehe: «Wir sind tolerant und vertrauensvoll, pflegen einen respekt­vollen Umgang miteinander und lassen uns genügend Freiraum.» Zusammen­geschweisst hat das Paar auch Nadja ­Günthörs Brustkrebserkrankung 2010. Heute geht es ihr wieder gut. «Ich schaue vorwärts und geniesse jeden Tag in ­meinem Leben», sagt die ehemalige NLB-Volleyballerin.

Auf der Suche nach einem Pedalo

Werner Günthör startet nach seiner Pensionierung ein neues Projekt: «Ich möchte ein kultiges Tret-Pedalo der Firma Forsa aus Diessenhofen erwerben und es dann restaurieren. Die schnittigen Tretboote ­sehen mit ihrem markanten Steuerrad wie Rennwagen aus.» Sollte der dreifache Kugelstoss-­Weltmeister auf der Suche nach einem Wasservehikel fündig werden, steht seinem nächsten Abenteuer nichts mehr im Weg: «Ich möchte mit dem ­Pedalo auf dem Bielersee fahren und dann am Strand übernachten.»

Werbung

Nadja Günthör hört ihrem Mann aufmerksam zu. Auf einmal sagt die gebür­tige Romanshornerin: «Wir haben auch einen gemeinsamen Traum: Wir möchten in den nächsten fünf, sechs Jahren noch einmal für längere Zeit nach Australien reisen. Dieses grosse und weitläufige Land mit seiner atemberaubenden Natur und den freundlichen Leuten inspiriert uns.» ­Werner Günthör ergänzt: «In Australien sieht man oft keinen Menschen weit und breit. Dieses gewollte Alleinsein passt mir mehr als das Gedränge und die Hektik in den Schweizer Städten.»

Werbung