Abo
Brigitta Mathys

«Die Einsamkeit macht mir oft zu  schaffen»

Ende August ist die Ultraläuferin Brigitta Mathys im Berner Seeland losgerannt. Ohne genauen Plan, aber mit einem fernen Ziel: Irgendwann in Südafrika anzukommen. Wie sie den Lauf-Alltag meistert und welche Ängste und Zweifel sie hat.

andrea-butorin.jpg

Werbung

Andere würden sich auf ein solches Unterfangen monate- oder jahrelang vorbereiten. Aber Brigitta ­Mathys (35) aus Lyss BE rennt einfach mal los. «Seckle», wie man im Bernbiet sagt, ist seit jeher ihre Leidenschaft. Doch jetzt wird sie nicht nur wie bisher ein paar Stunden, Tage oder Wochen unterwegs sein. Ihr Fernziel lautet Südafrika.
Seit ihrem Bachelorstudium in Physik arbeitete sie als Kiosk- und Avec-Mitar­beiterin. Diese Stelle hat sie nun ebenso gekündigt wie ihre Einzimmerwohnung. Alles, was ihr am Herzen liegt, hat sie bei den Eltern eingelagert. Am 27. August brach sie ohne grosses Abschieds-Tamtam in Richtung Westen auf. «Ich war unsicher, hatte Schmerzen in den Fersen und im Knie und Angst vor diesem Schmerz. Aber ich spürte: Ich muss los!», sagt sie. Nur sie und Sarafina, ein Kinderwagen, in dem sie ihre wichtigsten Utensilien wie ihr Zelt oder Lebensmittel vor sich herstösst.

«So will ich leben»

Brigitta Mathys sitzt an ihrem Rastplatz in der Nähe von Agde (F), als sie der GlücksPost per Videotelefon von ihrem Aben­teuer erzählt. Das Lauf-Gen haben sie und ihre fünf leiblichen sowie die beiden ­Halbgeschwister in die Wiege gelegt bekommen. Sie war eine ambitionierte OL-­Läuferin und hat diverse Ultraläufe absolviert, etwa den 100-km-Lauf von Biel BE. Mit ihrer fröhlichen und unverblümten Art begeisterte sie bei Interviews die Lauf-Fans. Und vor zehn Jahren wirbelte sie als Hofdame durch die TV-Sendung «Bauer, ledig, sucht», wo es zwischen ihr und dem Zürcher Bauern Jan nicht gefunkt hatte.
2024 wurde sie auf den Südtiroler Ultraläufer Stefan Santifaller (29) aufmerksam, der Europa von Süden nach Norden laufend durchquerte und per Fahrrad retour fuhr. Sie begleitete ihn eine Zeit lang. «Da wurde mir klar: So will ich leben. Das ­Gepäck im Anhänger, im Zelt schlafen und jeden Tag eine neue Strecke rennen. Das tut mir so gut!»

Erholung ist wichtig

Nach verschiedenen Laufprojekten ist sie nun also ohne zeitliches Limit in Richtung Süden unterwegs. Sie betont, dass sie jetzt praktisch gleich viel laufe wie zuvor, als sie noch arbeitete: rund 120 Kilometer pro Woche. Bloss kann sie sich jetzt daneben uneingeschränkt der Erholung widmen. Und der Suche nach Essen, Wasser und einem Schlafplatz. An mindestens ­einem Tag pro Woche gönnt sie sich Ruhe.
Ihre Freunde und Fans lässt sie auf Insta­gram an ihren Abenteuern teilhaben: So kann man Brigitta Mathys virtuell beim Rennen begleiten, beim Schwimmen (und zwar bei jeder Temperatur), beim Essen von mit kaltem Wasser angerichteten Fertig-­Spaghetti (denn einen Kocher hat sie ­keinen dabei) oder beim mehrstimmigen Singen (dank einer Musik-App).

Ohne Plan durch die Wüste

Der eingangs erwähnte Schmerz in den Fersen ist chronisch und begleitet Brigitta Mathys seit rund zehn Jahren. «Der geht aber nicht einfach weg, wenn man sich schont», sagt sie. Das Leben zu leben sei eine der Voraussetzungen dafür, dass er verschwinden könne. Linderung verspüre sie, wenn sie sich sozial integriert oder tief verbunden fühlt. «Die Einsamkeit macht mir gelegentlich zu schaffen und könnte ein Schmerz-Verstärker sein.» Sie freut sich über Wegbegleiter, ob für kürzere oder längere Zeit, und über jede spontane ­Begegnung. «Manchmal gehe ich extra auf einen Campingplatz, um mit jemandem reden zu können», sagt sie. Meist aber sucht sie sich einen trockenen Schlafplatz irgendwo im Wald. Angst? Ja, manchmal habe sie Angst. Zum Beispiel, wenn mitten in der Nacht in der Nähe ein Auto abbremst. «Aber ich will nicht, dass die Angst mein Leben dominiert.»

Werbung

Manchmal zweifelt Brigitta Mathys aber auch an ihrem gesamten Unterfangen. «Wie soll ich es zum Beispiel durch die ­Sahara schaffen?», fragt sie und lacht schallend. Sie weiss, dass ihr Erspartes («Ich habe viele abgelaufene Sachen ­gegessen, um zu sparen») nicht bis Süd­afrika reichen wird. Deshalb hofft sie auf Sponsoren oder auf Möglichkeiten, unterwegs Geld zu verdienen. Wäre schon alles organisiert und geregelt, wäre es ihr zu langweilig. «Dass jetzt die Herbststürme angefangen haben, freut mich ehrlich ­gesagt», sagt sie, «dann verschiebt sich der Fokus nur noch darauf, zu überleben, sich warm zu halten. Das ist ein cooles ­Gefühl.»
Über die Autoren
andrea-butorin.jpg
Andrea Butorin
Als Reporterin ist Andrea Butorin für die GlücksPost in der ganzen Schweiz unterwegs.

Werbung