Andere würden sich auf ein solches Unterfangen monate- oder jahrelang vorbereiten. Aber Brigitta Mathys (35) aus Lyss BE rennt einfach mal los. «Seckle», wie man im Bernbiet sagt, ist seit jeher ihre Leidenschaft. Doch jetzt wird sie nicht nur wie bisher ein paar Stunden, Tage oder Wochen unterwegs sein. Ihr Fernziel lautet Südafrika.
Seit ihrem Bachelorstudium in Physik arbeitete sie als Kiosk- und Avec-Mitarbeiterin. Diese Stelle hat sie nun ebenso gekündigt wie ihre Einzimmerwohnung. Alles, was ihr am Herzen liegt, hat sie bei den Eltern eingelagert. Am 27. August brach sie ohne grosses Abschieds-Tamtam in Richtung Westen auf. «Ich war unsicher, hatte Schmerzen in den Fersen und im Knie und Angst vor diesem Schmerz. Aber ich spürte: Ich muss los!», sagt sie. Nur sie und Sarafina, ein Kinderwagen, in dem sie ihre wichtigsten Utensilien wie ihr Zelt oder Lebensmittel vor sich herstösst.
«So will ich leben»
Brigitta Mathys sitzt an ihrem Rastplatz in der Nähe von Agde (F), als sie der GlücksPost per Videotelefon von ihrem Abenteuer erzählt. Das Lauf-Gen haben sie und ihre fünf leiblichen sowie die beiden Halbgeschwister in die Wiege gelegt bekommen. Sie war eine ambitionierte OL-Läuferin und hat diverse Ultraläufe absolviert, etwa den 100-km-Lauf von Biel BE. Mit ihrer fröhlichen und unverblümten Art begeisterte sie bei Interviews die Lauf-Fans. Und vor zehn Jahren wirbelte sie als Hofdame durch die TV-Sendung «Bauer, ledig, sucht», wo es zwischen ihr und dem Zürcher Bauern Jan nicht gefunkt hatte.
2024 wurde sie auf den Südtiroler Ultraläufer Stefan Santifaller (29) aufmerksam, der Europa von Süden nach Norden laufend durchquerte und per Fahrrad retour fuhr. Sie begleitete ihn eine Zeit lang. «Da wurde mir klar: So will ich leben. Das Gepäck im Anhänger, im Zelt schlafen und jeden Tag eine neue Strecke rennen. Das tut mir so gut!»
Erholung ist wichtig
Nach verschiedenen Laufprojekten ist sie nun also ohne zeitliches Limit in Richtung Süden unterwegs. Sie betont, dass sie jetzt praktisch gleich viel laufe wie zuvor, als sie noch arbeitete: rund 120 Kilometer pro Woche. Bloss kann sie sich jetzt daneben uneingeschränkt der Erholung widmen. Und der Suche nach Essen, Wasser und einem Schlafplatz. An mindestens einem Tag pro Woche gönnt sie sich Ruhe.
Ihre Freunde und Fans lässt sie auf Instagram an ihren Abenteuern teilhaben: So kann man Brigitta Mathys virtuell beim Rennen begleiten, beim Schwimmen (und zwar bei jeder Temperatur), beim Essen von mit kaltem Wasser angerichteten Fertig-Spaghetti (denn einen Kocher hat sie keinen dabei) oder beim mehrstimmigen Singen (dank einer Musik-App).
Ohne Plan durch die Wüste
Der eingangs erwähnte Schmerz in den Fersen ist chronisch und begleitet Brigitta Mathys seit rund zehn Jahren. «Der geht aber nicht einfach weg, wenn man sich schont», sagt sie. Das Leben zu leben sei eine der Voraussetzungen dafür, dass er verschwinden könne. Linderung verspüre sie, wenn sie sich sozial integriert oder tief verbunden fühlt. «Die Einsamkeit macht mir gelegentlich zu schaffen und könnte ein Schmerz-Verstärker sein.» Sie freut sich über Wegbegleiter, ob für kürzere oder längere Zeit, und über jede spontane Begegnung. «Manchmal gehe ich extra auf einen Campingplatz, um mit jemandem reden zu können», sagt sie. Meist aber sucht sie sich einen trockenen Schlafplatz irgendwo im Wald. Angst? Ja, manchmal habe sie Angst. Zum Beispiel, wenn mitten in der Nacht in der Nähe ein Auto abbremst. «Aber ich will nicht, dass die Angst mein Leben dominiert.»
Manchmal zweifelt Brigitta Mathys aber auch an ihrem gesamten Unterfangen. «Wie soll ich es zum Beispiel durch die Sahara schaffen?», fragt sie und lacht schallend. Sie weiss, dass ihr Erspartes («Ich habe viele abgelaufene Sachen gegessen, um zu sparen») nicht bis Südafrika reichen wird. Deshalb hofft sie auf Sponsoren oder auf Möglichkeiten, unterwegs Geld zu verdienen. Wäre schon alles organisiert und geregelt, wäre es ihr zu langweilig. «Dass jetzt die Herbststürme angefangen haben, freut mich ehrlich gesagt», sagt sie, «dann verschiebt sich der Fokus nur noch darauf, zu überleben, sich warm zu halten. Das ist ein cooles Gefühl.»