«Mein Bruder ist ein kleiner Stern in meinem Herzen»
Wenn es unserem Ski-Olympiasieger einmal nicht so rund läuft, schöpft Tanguy Nef Kraft bei seinem beeinträchtigten Bruder. Die beiden Romands sind ein Herz und eine Seele. Sie träumen vom höchsten Gipfel der Alpen und der Kristallkugel im Slalom-Weltcup.
Thomas Wälti
«Wow! Jetzt bist du an diesem besonderen Ort verewigt», sagt Arsène Nef, der mit Bruder Tanguy (l.) das Olympische Museum in Lausanne besucht.Jean-Guy Python
Tanguy Nef (29) und sein Bruder Arsène (25) begrüssen die GlücksPost im Olympischen Museum in Lausanne VD. Der von ihnen gewählte Ort passt wunderbar zu diesem Treffen: Rechts neben der Eingangs-tür brennt die olympische Flamme, vom hoch gelegenen Park aus geniesst der Gast einen grandiosen Blick auf den Genfersee und die dahinterliegende Walliser Bergkette Dents du Midi. «Ich habe das Museum auf Schulreisen mehrmals besucht. Mein olympischer Traum ist hier entstanden», sagt Tanguy Nef. Und Arsène Nef ergänzt: «Wow! Jetzt bist du an diesem besonderen Ort verewigt.»
Wir erinnern uns: Der Genfer Slalom-Spezialist gewinnt im Februar dieses Jahres bei seinen ersten Winterspielen in Mailand und Cortina (I) in der Team-Kombination zusammen mit Abfahrts-Olympiasieger Franjo von Allmen (25) die Goldmedaille. Das originelle Erfolgsmotto «All or Nefing» («Alles oder nichts»), eine Wortschöpfung aus den beiden Nachnamen, erweist sich als goldrichtig: Nach von Allmens viertem Platz in der Abfahrt stürmt das Duo dank Nefs sensationellem Slalomlauf an die Spitze.
Starke Geschwisterbeziehung
Arsène Nef erzählt, wie der 9. Februar 2026 sein Leben verändert hat: «Ich habe damals auf einem Fussballplatz in Genf gearbeitet und die ganze Zeit auf mein Handy geschaut. Ich war extrem nervös und konnte gar nicht mehr stillsitzen. Tanguys Sieg ist das Beste, was mir je passiert ist.» Tanguy Nef hört seinem jüngeren Bruder aufmerksam zu. Man spürt: Die Verbindung der beiden Brüder ist stark. Arsène Nef hat seit Geburt das sogenannte Sotos-Syndrom – eine seltene genetische Beeinträchtigung, die zur Folge hat, dass er zwar vieles machen kann, aber aufgrund seiner psychomotorischen Entwicklung für alles mehr Zeit braucht.
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Tränen der Rührung
Tanguy Nef ist mit drei Geschwistern aufgewachsen: Arsène, Laszlo (33) und Tamara (35). Seine Mutter Julia (63) ist Psychiaterin, sein Vater Patrick (67) Doktor der Biochemie und Universitätsprofessor. Arsène und Tanguy sind die beiden Jüngsten in der Familie. Deshalb haben sie in ihrer Jugendzeit vieles gemeinsam gemacht: Ski und Velo fahren, segeln, klettern.
Starke Familienbande: Arsène, Tanguy, Laszlo und Tamara Nef (von links) auf ihrem Skiabenteuer in den Pyrenäen.Instagram
Starke Familienbande: Arsène, Tanguy, Laszlo und Tamara Nef (von links) auf ihrem Skiabenteuer in den Pyrenäen.Instagram
Sein jüngerer Bruder bereichere sein Leben enorm, sei eine Inspirationsquelle, sagt Tanguy Nef: «Arsène hat mir viel Mut beigebracht und mir gezeigt, dass Anderssein nicht bedeutet, keine Lebensträume zu verwirklichen.» Im Westschweizer Magazin «L’illustré» lässt er verlauten: «Wenn ich in komplizierten Momenten an ihn denke, weiss ich, dass ich kein Recht habe, mich unterkriegen zu lassen.»
Und was lernt Arsène Nef von seinem älteren Bruder? «Tanguy ist mein Superheld. Er erfüllt mich mit riesigem Stolz. Er sieht, wie ich vorankomme. Mir nachzueifern, spornt ihn an. So helfen wir uns gegenseitig.» Tanguy ist sichtlich gerührt über diese Worte, Tränen schiessen ihm in die Augen. Arsène fährt fort: «Mein Bruder ist ein kleiner Stern in meinem Herzen. Es ist unglaublich, was ich dank ihm alles erleben darf.»
Mont Blanc lockt
Arsène Nef ist bei der Gemeinde Veyrier GE angestellt. Er betreut drei Abfallsammelstellen und die Plakatwände. Die Arbeit gefalle ihm. Angesprochen auf seinen Lebenstraum, sagt er: «Ich habe zwei Träume: Ich möchte mit Tanguy auf den Mont Blanc steigen, und ich wünsche mir, dass mein grosser Bruder im Weltcup endlich zuoberst auf dem Podest steht.» Tanguy Nefs bisher beste Klassierung im Weltcup ist der vierte Platz im Slalom von Wengen 2025.
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Tanguy Nef, der am Dartmouth College in den USA einen Bachelor in Wirtschaft und Informatik erworben hat, legt seinen Arm auf Arsènes Schulter: «Das Projekt Mont Blanc gefällt mir. Rausgehen, seine Grenzen austesten und Spass haben macht das Leben spannend.» Eine gemeinsame Expedition haben Arsène und Tanguy Nef im Rahmen eines Familienprojekts vor drei Jahren schon einmal gemacht. «Laszlo, Tamara und ich schenkten Arsène ein Skiabenteuer in den Pyrenäen. Daraus ist der Dokfilm ‹Mein Bruder Sotos› entstanden», erzählt Tanguy Nef. Und Arsène ergänzt: «Er hat an Bergfilmfestivals mehrere Preise gewonnen!» Auf der Streaming-Plattform Play Suisse kann man den zu Herzen gehenden Film kostenlos anschauen.
Basislager für die Familie
Im kommenden Winter werden sich Arsène und Tanguy zwangsläufig weniger sehen. Wenn es der Weltcup-Kalender erlaubt, treffen sich die Brüder im Walliser Dorf Le Châble unterhalb von Verbier zum Skifahren. Dort lebt Tanguy Nef mit seiner Freundin Zara Maillard (27) in einer Eigentumswohnung. Seit sechs Jahren sind die beiden Sport-Asse ein Paar. Zara Maillard ist eine erfolgreiche Profi-Athletin im Wingsurfen. «Meine Wohnung ist seit der Trennung unserer Eltern das Hauptquartier der Familie. Früher lebten wir im Ferienort La Tzoumaz VS, wo ich im Alter von sieben Jahren mit dem Skifahren begonnen habe», sagt Tanguy Nef.
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Olympia-Gold um den Hals, seine Liebsten im Arm: Tanguy feiert den grössten Moment seiner Karriere mit Schwester Tamara (l.) und Freundin Zara Maillard.PASCAL MORA
Olympia-Gold um den Hals, seine Liebsten im Arm: Tanguy feiert den grössten Moment seiner Karriere mit Schwester Tamara (l.) und Freundin Zara Maillard.PASCAL MORA
Im Sommer treffen sich die Brüder zum Mountainbiken. Eben hat Tanguy seinem Bruder ein Gravelbike gekauft. «Arsène ist jederzeit willkommen und hat in meinem Appartement ein Zimmer frei. Er kann auch herkommen, wenn er etwas feiern will, gut essen oder fernsehen möchte.» Arsène Nef hingegen ist Single. «Und ich bin stolz darauf!» Tanguy Nef platzt fast vor Lachen: «Das ist wieder so ein typischer Spruch vom ewigen Junggesellen!» Die beiden Brüder nehmen sich liebevoll in den Arm.
Kleine Kristallkugel als nächster Traum
Im Museum des IOK in Lausanne erinnern Medaillen, Ausrüstungen und originale Fackeln an einzigartige Sportmomente. Draussen im Park erzählt Olympionike Tanguy Nef von seiner Sternstunde: «Mit der Goldmedaille in Mailand und Cortina habe ich mir einen Kindheitstraum erfüllt!» Tanguy Nef hat natürlich noch weitere Ziele in seinem Leben: «Ich möchte die kleine Kristallkugel für den Sieg in der Slalom-Wertung gewinnen.» Und privat? «Mein Traum ist es, irgendwann eine gesunde und glückliche Familie zu gründen, in der sich alle wohlfühlen und alles harmonisch läuft.»