Stephan Eicher

«Ich denke oft, dass ich ein Hochstapler bin»

Drei Jahre sind vergangen, seit er mit «Ode» sein letztes Album veröffentlicht hat. Nun legt der Berner mit dem vorwiegend auf Französisch gesungenen «Poussière d’or» das Nachfolgewerk vor. Darauf präsentiert er sich von seiner ruhigsten Seite.

Dominik Hug

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Der Berner ist seit den 1990er-Jahren auch in Frankreich ein Star. ­Inzwischen lebt ­Stephan Eicher wieder in der Schweiz. Stefan Bohrer

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Treffpunkt ist das Hotel Marktgasse im Zürcher Niederdorf. Hier logiert der Wahl-Romand Stephan Eicher (65) für gewöhnlich, wenn er in der Stadt ist. Hier hat er auch einige seiner neuen Lieder geschrieben. Der oftmals als sehr ernst ­geltende Liedermacher ist während des ­Gesprächs bestens gelaunt, nimmt sich zwischendurch sogar selbst auf die Schippe.
GlücksPost: Ihr neues Album tönt ­überraschend sanft. Warum diese ­Sehnsucht nach Stille und Harmonie?
Stephan Eicher: Meine Absicht war es, ein Umarmungsalbum zu machen, also eher leise Lieder zu singen, da man bei ­einer Umarmung ja sehr nahe am Ohr ist. Im ­Übrigen finde ich es schön, wenn nicht ­immer alles so laut ist und nicht überall ständig rumgeschrien werden muss.
Hat das mit dem Alter zu tun, dass Sie es heute etwas gemächlicher angehen?
Wahrscheinlich schon. Ich muss keine aufgeregte Musik mehr machen. Unaufgeregt ist mir lieber. Anderseits ist es vielleicht auch eine gesellschaftliche Tendenz, in der Musik nach Ruhe zu suchen, weil die Welt an sich in den letzten Jahren sehr laut und grell geworden ist. Es gibt mittlerweile ja auch sehr viele junge Sänger, die populär sind mit ihrer ruhigen Musik.
Sie machen seit bald 50 Jahren Musik. Wird es schwieriger, sich immer wieder von neuem inspirieren zu lassen?
Im Gegenteil, es wird leichter. Ich habe heute keine Angst mehr, vor einem weissen Blatt Papier zu sitzen. Denn inzwischen weiss ich, dass bei diesem Prozess früher oder später bestimmt etwas Schönes entstehen kann. Ich profitiere also von meiner Erfahrung. So gesehen vereinfacht das Alter vieles. Andererseits gehöre ich zu den Menschen, die es lieben, kreative Probleme zu lösen. Diesbezüglich habe ich wohl ­etwas mehr Glück als andere Musikerfreunde und -freundinnen von mir, für die es teils erschreckend ist, wenn sie etwas Neues anpacken müssen.
Dafür leiden Sie immer noch unter ­Lampenfieber, wenn Sie auf die Bühne müssen, sagten Sie kürzlich.
Ja, das Gefühl, dass die Leute enttäuscht sein könnten bei einem Konzert, ist immer noch da. Dieses Gefühl, ein Hochstapler zu sein, der jederzeit enttarnt werden könnte, werde ich wohl nie mehr los.
Ein Hochstapler?
Ja. Ich denke oft, dass ich ein Hochstapler bin und habe Angst davor, dass dies eines Tages auch andere merken könnten. Ich bete nicht, aber ich bedanke mich täglich dafür, dass ich als Musiker meinen Lebensunterhalt verdienen kann. Trotz meiner ­limitierten Fähigkeiten hatte ich zum Glück immer einen gewissen Ehrgeiz.
Sie sind 65 Jahre alt. Beziehen Sie eigentlich AHV?

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Nein. Ich habe die Schweiz mit 16 verlassen und kehrte erst mit 60 zurück. Meine Einnahmen stammen vor allem aus Frankreich. Dort wollten sie mir mit 62 das ­Pendant zur AHV auszahlen, aber ich habe abgelehnt. Denn ich arbeite ja noch. Mit den ganzen Behördensachen komme ich aber ohnehin nicht so richtig draus (lacht). Was mich manchmal irritiert, ist die Tat­sache, wie sehr sich viele in der Schweiz mit der Pensionierung identifizieren. So als sei das ein Lebensziel oder der Höhepunkt des Lebens. Das ist in Frankreich nicht so.
Wie ist es dort?
In Frankreich definiert sich niemand da­rüber, dass er oder sie jetzt pensioniert ist. Dort bezeichnen sich die Menschen auch mit 70 noch meist eher über ihre soziale Stellung oder über ihren Beruf, als Chor­leiterin, Familienvater, Lehrerin, Brief­träger oder Koch, auch wenn sie diese ­Berufe gar nicht mehr ausüben.
Sich mal zur Ruhe zu setzen ist für Sie keine Option?
Das ginge momentan rein ökonomisch nicht bei der Arbeit, die ich ausübe. Man darf nicht vergessen, dass es bei Stephan ­Eicher ja nicht nur um Stephan Eicher geht. Hinter mir steht ein Team von sechs, sieben Leuten, die alle jünger sind, eine Familie und vielleicht auch Hypotheken haben. Ich bin für sie verantwortlich. Abgesehen davon liebe ich mein jetziges Leben und meine Arbeit. Ich will kreativ bleiben.

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Sie haben erwähnt, dass Sie vor fünf Jahren wieder in die Schweiz zurück­gekehrt sind. Weshalb?
Ich habe zwölf Jahre in der Camargue gelebt, in ­einem grossen Haus. Als die Kinder langsam flügge wurden, brauchten wir nicht mehr so viel Platz. Gleich­zeitig wurden meine Eltern pflegebedürftig. Also entschieden wir uns für eine Rückkehr in die Schweiz. Die Eltern sind mittlerweile ­leider gestorben. Jetzt wohnen wir momentan in Genf.
Was ist typisch schweizerisch an Ihnen?
Mein GA. Ich bin ein grosser Fan von öffent­lichen Verkehrsmitteln. Auto fahre ich schon viele Jahre nicht mehr. Auch an die Orte, wo ich auftrete, reise ich meistens mit dem Zug. Das ist praktisch, hilft der Umwelt und ist auch bequem. Im Alter will man es nicht nur unaufgeregter haben, auch bequemer.
Wo spüren Sie das Alter am meisten?
Beim Aufstehen (lacht). Kopf und Körper sind weniger elastisch. Gehe ich heute auf Tournee, schaue ich, dass wir mehrere Tage an einem Ort bleiben, nicht gleich nach dem Auftritt weiterziehen. Einfach auch, um sich zu erholen und den Ort, wo man sich wiederfindet, geniessen zu können. Noch einen kleinen Gedanken zum Alter: Wenn man lange leben möchte, ist das ­Alter unumgänglich.
Achten Sie auf Ihre Gesundheit?

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Ja, aber nicht exzessiv. Ich trinke kaum ­Alkohol. Ich habe ein relativ kleines Hirn. Würde dieses von Alkohol vernebelt, wäre es nicht gut (lacht). Ich esse auch nur ­wenig Fleisch. Allerdings nicht nur aus gesundheitlichen Gründen. Tiere sind meiner Meinung nach für Menschen einfach nicht zum Essen da. Und ich schaue, dass ich zu mindestens acht Stunden Schlaf komme. Ich schlafe gerne.
Wären Sie gerne nochmals jung?
Um Fragen, deren Antworten keinen Sinn machen, kümmere ich mich wenig. Des­wegen denke ich auch nicht über solche Themen nach. Natürlich gibt es Dinge, die ich gerne nochmals erleben möchte. Aber grundsätzlich lebe ich gerne im Jetzt. Die Gegenwart ist der richtige Ort, um sein Leben zu verbringen. Es ist auch der einzige, den ich kenne, wo man einen ­Espresso bekommt (lacht).
Kein bisschen nostalgisch?
Nein, ich bin wirklich sehr verwurzelt in der Gegenwart. Ich mag es, im Jahr 2025 zu ­leben. Vielen geht es besser als früher. Und dies gibt uns die Möglichkeit, uns um die, die weniger Glück haben, zu kümmern.

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