Sina

«Ich brauche vermehrt meine Ruhe-Inseln»

Ende Mai wird die Walliser Sängerin 60 Jahre alt. Im Interview spricht Sina über das Älterwerden, Weiblichkeit und wie sie für sich eine neue Freiheit gewonnen hat.

Aurelia Robles

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«Ich bin mit 60 umgerechnet 21 915 Tage alt. Das ist doch eine schöne Zahl», sagt Sängerin Sina beim Interview in Zürich. Linda Käsbohrer

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Sina kommt in den nächsten Tagen aus dem Feiern nicht heraus. Am 28. Mai begeht die Sängerin ihren 60. Geburtstag – und zelebriert diesen gleich dreifach. «So habe ich genügend Zeit für meine ­Gäste. Das habe ich aus meiner Hochzeit mit 120 Gästen gelernt», sagt sie. Also gibt es zuerst eine Party mit ihrer Familie im Aargau, wo sie mit Ehemann Markus Kühne (72) lebt. Eine zweite Feier findet in ihrer Heimat ­Wallis an dem Tag statt, an dem der Frauen-Zitaten-Weg in Unterbäch VS eingeweiht wird. Die Künst­lerin, die mit ihren Mundartliedern im Walliserdialekt seit über drei Jahrzehnten die einheimische Musikszene prägt, ist ebenfalls unter den 30 Frauen. «Eine schöne Gelegenheit, diesen Weg mit meiner ­Familie zu erwandern mit einem feinen ­Essen im Anschluss.» Schliesslich steigt noch eine Seeparty mit Freunden am Hallwilersee im Kanton Aargau. «Ich liebe es, die schönen Momente zu feiern. Da gehören 60 Jahre Leben eindeutig dazu», sagt Sina.
GlücksPost: Sina, lassen Sie uns mit einer kurzen Frage beginnen: Wiä geits?
Sina: (Strahlt.) Da gibt es zwei Antworten darauf. Mir persönlich sehr gut, danke der Nachfrage. Und meinem Musik- und Gesprächsformat «Wiä geits ..?» ebenso, auch wenn es noch in den Kinderschuhen steckt.
Wieso hatten Sie das Bedürfnis, für eine neue Gesprächsreihe ­Prominente zu interviewen?
Ich habe mir schon lange gewünscht, Menschen, die ich in all den Jahren vor und hinter Bühnen oder beim Warten auf den letzten Zug getroffen habe, irgendwann mal länger als eine Kaffeepause lang zu befragen. Ich war schon immer ein Frögli und hatte Lust auf dieses Format, das je viermal im Jahr in Brig und Wohlen AG im Kleintheater stattfindet. Musik ist natürlich auch dabei.
Wieso jetzt?
Weil ich Dinge, die lange auf meiner Wunschliste standen, jetzt umsetzen möchte und ich dieses Jahr noch Kapazität hatte. In meinen Anfängen war ich eine begeisterte Ja-Sagerin – ich interessierte mich für vieles. Heute frage ich mich vermehrt: Will ich das wirklich?
Hat das mit dem Alter zu tun?
Bestimmt. Die Werte verändern sich und damit die Prioritäten. In den ver­gangenen zwei Jahren erlebte ich ­einige Premieren in meinem Leben. Ich realisierte mit einer Malerin eine Ausstellung, ­arbeitete an einem Buch zu meinen 30 Bühnenjahren und bin zum ersten Mal alleine durch Norwegen gereist. Es ist mir heute wichtig, nicht mehr lange zu warten, bis ich etwas mir Wichtiges in Angriff nehme.
AVO, SESSION, KONZERT, BASEL, AVO SESSION,
Mit ihren Mundart­liedern im Walliser­dialekt prägt Sina seit über 30 Jahren die ­hiesige Musikszene.Keystone
AVO, SESSION, KONZERT, BASEL, AVO SESSION,
Mit ihren Mundart­liedern im Walliser­dialekt prägt Sina seit über 30 Jahren die ­hiesige Musikszene.Keystone
Rennt Ihnen die Zeit davon?

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Mein Mann hat ausgerechnet, dass ich mit 60 umgerechnet 21 915 Tage alt bin. Das ist doch eine ­schöne Zahl. Aber klar, ich weiss nicht, wie viele Sommer ich noch vor mir habe. Da überlege ich mir genauer, was ich mache und wie viel Zeit und Energie mir ­etwas wert ist. Mein persönliches Credo für ein längeres Leben ist ein kleines Wort mit grosser Wirkung: Nein.
Wie meinen Sie das?
Ich habe im Verlauf meines Lebens immer besser gelernt, Nein zu sagen. Viele dieser Neins waren oft die besseren Entscheidungen als die Jas. Neinsagen spart Kraft. Und schenkt Freiheit. Dann bin ich heute alt ­genug für flache Schuhe, Pomade statt Lippen­stift. Ich sage heute auch mal eine Verabredung ab, wenn ich das Gefühl habe, ich brauche diese Zeit für mich. Ohne schlechtes Gewissen.
Hat es Sie geschmerzt, zu erkennen, dass Sie zu oft eine Ja-Sagerin waren?
Nein, das war gut und kam aus Neugierde. Und ich hab dabei auch sehr viel gelernt. Als junge Sängerin musste ich mich in dieser Musikwelt zurechtfinden und Dinge ausprobieren. Und das Gefühl von «Ich bin jetzt am richtigen Ort» verändert sich ja im Laufe der Zeit. Ich glaube, bis zum letzten Tag deines Lebens bist du dir auf der Spur. Es hört nie auf. Das persönliche Wachsen hört nicht einfach auf.

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Sie wurden also nicht zur Gefälligkeit ­erzogen?
Natürlich galt es als Frau meiner Generation, nicht aufzufallen, hilfsbereit und ­anständig zu sein. Und adrett gekleidet. Aber da darf man ja rauswachsen. So wie aus den «gstabigen» Röcken.
Sie tragen keine Röcke?
Doch, an der Erstkommunion! (Lacht.) Und geheiratet habe ich in einem langen, bequemen Rock. Aber ich bin definitiv der Hosentyp, brauche Beinfreiheit, muss lange Schritte machen können. Dieses «Trippeln» ist gar nicht meins.
«Unbeschriiblich wiiblich» war einer Ihrer ersten Hits. Wie hat sich Ihre ­Weiblichkeit in den Jahren verändert?
Weiblichkeit ist für mich heute eine Haltung und hat mit äusserer Schönheit nichts zu tun. Es geht um Reife, Freiheit, innere Kraft. Ich liebe Dolly Parton ja für ihre Selbstironie. Sie sagt, sie gehe immer geschminkt ins Bett, um für einen Katastrophenfall vorbereitet zu sein (lacht). Ich bin genau das Gegenteil, oft ungeschminkt. Eine Frau, die mich so im Zug traf, sagte: «Ah, so sehen Sie also privat aus. Im Fernsehen haben die aber schon sehr gutes Make-up».
Wie reagieren Sie auf so eine Aussage?
Ich entgegnete, dass auch das Licht beim Fernsehen richtig gut sei, nicht nur das Make-up. So was kommt nicht oft vor, aber natürlich ist mir diese Begegnung geblieben, weil die Äusserlichkeit immer wieder Thema ist, wenn man in der Öffentlichkeit steht. Doch Älterwerden ist ein unglaub­liches Privileg. Ich sage nicht, dass ich da ­immer souverän bin. Das Alter macht Veränder­lichkeit und Endlichkeit sichtbar und eben auch spürbar. Ich habe gerade wieder das Knie bandagiert. Treppenlaufen ist gerade etwas blöd.

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Sie sagen selbst, dass Sie in Ihrem letzten Lebensdrittel seien. Was macht das mit Ihnen?
Ich empfinde eine grosse Dankbarkeit, dass ich meine Kraft so lange bündeln konnte und etwas leben darf, was ich mir gewünscht habe, nämlich Musik zu meinem Beruf zu machen. Das zunehmend Filigrane spüre ich auch. Ich brauche vermehrt meine Ruhe-­Inseln, damit ich meine Pläne auch weiterhin fliegen lassen kann.
Erzählen Sie uns welche?
Im Juni bin ich mit dem Symphonieorchester argovia philharmonic und meinen Songs unterwegs, ein ganz besonderes Projekt. Dann habe ich mich für ein weiteres ­Album entschieden, in veränderter Band-Konstellation. Ich stehe ganz am Anfang, aber der Sound, den ich mir vorstelle, braucht neue Elemente. Ich habe grosse Lust auf neue Musik und Geschichten.
Was wünschen Sie sich zum Geburtstag?
Vielleicht das Wertvollste: Viel Zeit mit den Menschen, die ich gerne habe.
Zuletzt zurück zum Thema Langlebigkeit; wie alt möchten Sie werden?
Die Zahl 100 strebe ich nicht an. Ich habe zwei Tanten, die 94 Jahre alt sind und noch alleine leben. Eine von beiden hat mir kürzlich gezeigt, wie sie ihre Bettsocken lismet. In einem Affenzahn. Die andere kocht noch fast täglich für ihre erwachsenen Enkel und schreibt mir SMS. Aktiv und neugierig bleiben, das kann ich von ihnen lernen. Die Wolle für die Bettsocken hab ich mir schon mal gekauft. Die eine Tante sagte mir ­letzthin, sie sei langsam lebenssatt, ein schönes Wort, wie ich finde. Und verständlich. Genug gesehen und genug Geburtstag gefeiert.

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Persönlich

Am 28. Mai 1966 in Visp VS als Ursula Bellwald ge­boren, wächst Sina in Gampel VS auf. Nach der Ausbildung zur Bankkauffrau versucht sie sich 1990 zuerst als Schlagersängerin. 1994 erscheint ihr erstes Mundartalbum als Sina, ein Erfolg. Es folgen Hits wie «Där Sohn vom Pfarrer» und «Ich schwöru», 15 Alben, darunter drei Nummer-1-Alben. 2019 erhält sie den Swiss Music Award für ihr Lebenswerk, 2023 als Beste Künstlerin. Seit 2004 ist sie mit Musiker Markus Kühne verheiratet und lebt nahe des Hallwilersees.
Über die Autoren
Aurelia Robles
Aurelia Robles
Seit 2023 arbeitet Aurelia Robles bei der GlücksPost als Stv. Chefredaktorin mit Fokus auf Unterhaltungsthemen..

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