Nach der Moderation des ESC steht die Vierfach-Mutter bald wieder im Abba-Musical «Mamma Mia!» auf der Bühne. Dafür muss Sandra Studer privat vermehrt loslassen.
«Beruflich ist mein Jahr bereits gelaufen und durchgeplant. Ich freue mich aber auf einen schönen Feriensommer, da meine beiden Jüngsten Matura machen», sagt Sandra Studer. Linda Käsbohrer
Mamma Mia! – dieser Ausdruck passt zu Sandra Studer (57). Einerseits, weil die Sängerin ab dem 6. Mai im gleichnamigen Abba-Musical in der Zürcher Maag-Halle die Hauptrolle spielt. Andererseits wurde vor wenigen Wochen ihr jüngstes von vier Kindern volljährig. Und nicht zuletzt hat sie seit der Moderation des Eurovision Song Contests in Basel ein eindrückliches Jahr hinter sich. «Der ESC war so intensiv, dass er noch lange nachgeklungen hat», sagt sie. «Ich habe noch heute ein breites Lächeln im Gesicht, wenn ich daran zurückdenke.» Von ihrer langen Verbindung zum ESC handelt auch der Dokfilm «Die Sandra-Studer-Story» (9. Mai., 20.10 Uhr, SRF 1).
GlücksPost: Haben Sie nach dem ESC viele Angebote erhalten?
Sandra Studer: Das stellen sich die Leute so vor. Es hat schon ein paar gegeben, aber nein, nein, mein Leben ist ganz normal weitergegangen.
Was hat das Erlebnis dieses Riesenanlasses mit Ihnen gemacht?
Es hat mich mit grosser Dankbarkeit erfüllt. Ich schaue nie gross in die Zukunft und habe mich im Leben oft überraschen lassen. Dass diese grosse Überraschung in meinen 50ern kam, ist besonders schön. Ich bin damit offenbar die älteste ESC-Moderatorin, die es je gegeben hat.
Wie hört sich das für Sie an?
Werbung
Für uns Frauen ist es ein Zeichen, dass man problemlos älter werden und nochmals richtig Gas geben kann.
Mussten Sie sich dies selbst beweisen?
Das Showbusiness, in dem ich mich bewege, hat sehr mit Frische und Elan zu tun. Junge Leute sprühen vor Energie auf der Bühne, das finde ich toll. Aber um die Gesellschaft abzubilden, braucht es eben auch Ältere. Bei Frauen wird das Alter aber oft mit «verblüht» und «uninteressant» gleichgesetzt. Bei Männern sind es Weisheit und Souveränität. Solche Attribute müssen wir Frauen uns auch erobern.
Als Galionsfigur diesbezüglich sieht sich Studer nicht, auch wenn sie seit ihrem fünften Platz beim ESC vor 35 Jahren in der Showszene tätig ist. Nach dem Musicalerfolg «SisterÄct», das im Herbst erneut aufgeführt wird, steht sie aktuell mitten in den Hauptproben zum Abba-Musical. «Dass ich das mit so vielen tollen Kolleginnen und Kollegen spielen darf, ist wunderbar.» Als Kind sammelte sie jeden Schnipsel der Schwedischen Band – dennoch hat sie nicht sofort zugesagt. «Eine solch anspruchsvolle Rolle muss man sich zutrauen, auch kräftemässig.»
Wie sorgen Sie für genügend Kräfte?
Einstellung, Freude und Lust am Projekt sind ganz wichtig. Daraus kommt die Hälfte der Kraft. Dann probiere ich mich gesund zu ernähren und so oft wie es geht an der frischen Luft zu sein. Ich gehe sehr viel zu Fuss, bin mit dem ÖV unterwegs. Und ich nehme jede Treppe. Jemand hat das mal so schön «Treppenschlemmen» genannt. Beim Schlafen zum Beispiel habe ich aber noch viel Verbesserungspotenzial. Ich gehe viel zu spät ins Bett. Ich bin einfach eine Nachteule.
Werbung
Gigi Moto, Sandra Studer und Patricia Hodell (v. l.) spielen und singen vom 6. Mai bis 14. Juni im berühmten Musical «Mamma Mia!».RMS
Gigi Moto, Sandra Studer und Patricia Hodell (v. l.) spielen und singen vom 6. Mai bis 14. Juni im berühmten Musical «Mamma Mia!».RMS
Für die Zürcherin ist die Balance zwischen Karriere und Familie stets aufgegangen. Mit Luka Müller (61), einem Anwalt, hat sie die Kinder Gian (27), Lili (25), Nina (19) und Julia (18) grossgezogen. «Ich hatte das Glück, dass ich mit meinem manchmal unsicheren und unregelmässigen Job einen Partner an der Seite hatte, der mich unterstützt hat. So konnte ich zugreifen, wenn ein Angebot gepasst hat.» Die Hauptrolle in «Mamma Mia!» wurde ihr bereits vor acht Jahren angeboten. «Damals war das mit den Kindern noch nicht möglich.» Im Musical lässt die Mutter ihre Tochter in einer Szene bewusst ziehen, was auch bei Sandra Studer privat für Emotionen sorgt.
Wie gut sind Sie im Loslassen?
Ich habe grosse Freude, meinen Kindern zuzuschauen, wie sie ihr eigenes Leben aufbauen, selbständig sind und wie sie auch zurückkommen und das Leben heimbringen. Zum Glück sind meine zwei Jüngsten noch daheim, das will ich möglichst lange geniessen.
Haben Sie Angst vor einem leeren Nest?
Ich habe schon Respekt davor. Ich rege mich zwar jeden Tag über herumliegende Mäntel und Schuhe meiner Jüngsten auf. Aber dann denke ich, dass ich das eines Tages nicht mehr haben werde, dafür Ordnung. Wie langweilig … (lacht). Ich brauche viel Leben im Haus. Das wird mir sicher fehlen.
Werbung
Wie halten Sie die Familie zusammen?
Ich glaube, bei uns ist es diese Familiennestwärme und allgemein das Zusammensein. Die Kinder treffen sich auch ausserhalb zu viert. Meine drei Schwestern und ich sind beste Freundinnen, und das ist bei unseren Kindern gleich. Im Moment, das ist kein Muss, kommen alle am Sonntagabend zum Essen zusammen.
Wie ist es, den Kindern auf erwachsener Ebene zu begegnen?
Du fängst an zu erkennen, dass sie wirklich ihre eigene Welt, ihre eigenen Gedanken und Ansichten haben. Ich merke, dass ich ihnen nichts mehr beibringen, auch keine Werte mehr vermitteln muss. Dieser Job ist gemacht. Nun bin ich gespannt, was sie daraus machen. Und ich werde dabei auch von ihnen lernen. Junge Leute schauen die Welt mit sehr wachen, aufnahmefähigen Augen an. Das geht einem im Alter etwas ab.
Sandra Studer wurde spät flügge, da sie alsjunge Moderatorin mit der Sendung «Traumziel» viel herumreiste. «Ich war damals kaum zu Hause und zog dann mit 26 direkt mit Luka zusammen.» Vor ein paar Jahren begann das Paar bewusst wieder mehr Zeit zu zweit zu verbringen. Täglich trinken sie um sieben Uhr gemeinsam einen Kaffee. «Das ist eine sehr kostbare Zeit. Hinsetzen und wissen, dass der Tag ruhig und mit Reden anfängt. Früher war Luka um diese Zeit bereits weg.»
Werbung
Was machen Sie mit den neu gewonnenen Ressourcen?
Ich komme wieder mehr zum Lesen und merke, dass es auch entspannend ist, wenn mal niemand daheim ist. Solche Momente hatte ich früher eigentlich nie.
Fühlen Sie sich freier?
Frei habe ich mich immer gefühlt, weil es mich nicht einschränkt, für andere da zu sein. Ich schaue gerne zu anderen, denn ich bin ein Rudelmensch, das ist in mir drin. Es ist mehr das Gefühl heute, dass ich nichts mehr muss oder dass ich mich ohne schlechtes Gewissen fragen kann, worauf ich selbst gerade Lust habe. Anderseits bedauere ich schon, dass diese Zeit mit kleinen Kindern nie mehr kommen wird. Es ist ein Abschiednehmen.
Gibt es etwas, das Sie Ihrem Ich von vor 20 Jahren gerne sagen würden?
Ich habe heute von einer 102-jährigen Frau gelesen, die nach 78 Jahren Ehe ihren Mann verloren hat. Sie meinte, dass sie ihn heute viel mehr küssen, weniger kritisieren würde. Das wird Luka gefallen, wenn er das liest. Weil ich vieles aneinander vorbeibringen musste, war ich wohl etwas überorganisiert. Ich glaube, ich würde mir selbst sagen: «Hey, sei nicht so streng, lass es lieber ein bisschen schleifen.» Aber so wie ich mich kenne, würde ich mir selbst nicht zuhören. (Lacht.)