Lautlos gleitet das Floss über den Leisee. Im kristallklaren Bergsee oberhalb von Zermatt VS spiegelt sich das Matterhorn. Pirmin Zurbriggen (63) und Ehefrau Moni (59) werfen vor den Augen ihrer Grosskinder Lina (5) und Eva (3) Steine über die Wasseroberfläche. «Wasser ist das Gold der Erde. An einem Bergsee fühle ich mich voller Energie», sagt Zurbriggen schwärmerisch.
Früher war das anders: Als Kind hatte er Angst vor dem Wasser. Der Abfahrts-Olympiasieger von 1988 und viermalige Weltmeister erinnert sich mit einer lebendigen Anekdote an seine Anfänge bei Swiss-Ski: «Ich war 14 Jahre alt, als mich übermütige Trainingskollegen kopfüber ins Becken warfen. Mir blieb gerade noch Zeit, ihnen zuzurufen, dass ich nicht schwimmen kann! Die verdutzten Jungs zogen mich wieder heraus.»
Die Natur gibt ihm Kraft
Will Pirmin Zurbriggen allein sein, wandert er mitunter auf dem 5-Seen-Weg, der von der Bergstation Blauherd zum Stellisee, Grindjisee, Grünsee, Moosjisee und Leisee führt. «Ich sitze jeweils am Ufer und nehme die Szenerie mit allen Sinnen wahr. Das gibt mir Kraft. In diesen Momenten merke ich, dass ich Teil dieser Naturgegebenheit bin, die kommt und geht – so wie das Leben auch», philosophiert der viermalige Gesamtweltcupsieger.
Dass er in Zermatt allgegenwärtig ist und in den Gassen von vielen Menschen angehimmelt wird, stört ihn nicht. Im Gegenteil! Pirmin Zurbriggen geniesst seine Popularität – und entsprechende Komplimente: Eben habe ein Gast ihn in der Seilbahn auf das Kleine Matterhorn gefragt, ob er noch nicht genug vom Skifahren habe. «Ein Gentleman hat das Gespräch mitgehört. Bei der Bergstation nahm er mich zur Seite: ‹Pirmin, du bist genauso sympathisch rübergekommen wie damals im Fernsehen. Ich habe die Fahrt mit dir genossen!› Das hat mich berührt», erzählt der Vater von fünf Kindern – Elia (35), Pirmin junior (34), Maria (32), Alain (28) und Leonie (18) – sowie achtfache Grossvater.
Zweimal auf dem Matterhorn
Das Sitzbänkli am Leisee bietet eine atemberaubende Aussicht auf die Walliser Viertausender. Pirmin Zurbriggen blickt andächtig zum Matterhorn: «Das ‹Horu› macht mich demütig und zeigt mir, wie klein du selber bist und wie gross und zeitlos das Ganze ist. Gottes Natur ist etwas Gewaltiges.» 1993, drei Jahre nach seinem Rücktritt vom Spitzensport, stand Pirmin Zurbriggen mit Bergführer und Everest-Besteiger Kilian Volken (75) auf dem Gipfel des Matterhorns, nachdem ein erster Versuch ein Jahr zuvor bei der Solvayhütte (4003 m ü. M.) wegen eines schweren Gewitters hatte abgebrochen werden müssen. Im Februar 2018 erreichte der Gewinner von 40 Weltcuprennen zum zweiten Mal das Gipfelkreuz – im Helikopter: Anlässlich einer PR-Aktion für die Olympischen Winterspiele «Sion 2026» entzündete er auf dem «Horu» symbolisch das Feuer.
In der majestätischen Bergwelt am Leisee wird auch der GlücksPost-Redaktor demütig. Die Frage nach dem Sinn des Lebens hat Pirmin Zurbriggen in der «Weltwoche» jüngst so beantwortet: «Die Vorbereitung der Seele auf die Ewigkeit.» Das Leben sei ein Geschenk, sinniert der Schweizer Sportler des Jahres 1985. Wenn es ihm einmal nicht so gut gehe, finde er Kraft im Gebet. «Gott weist mir den Weg und begleitet mich. Das spüre ich immer wieder», sagt Pirmin Zurbriggen. «Ich bete jeden Tag.» Wann immer es möglich sei, besuche er die Messe in der Pfarrkirche St. Mauritius oder in einer Bergkapelle. «Den besten Ratschlag habe ich von meinem Vater Alois erhalten. Er sagte mir: ‹Du kannst alles machen in deinem Leben – aber vergiss das Gebet nicht!›»
Wie im Paradies
Pirmin Zurbriggen führt die GlücksPost ins «Paradise» im Weiler Findeln unterhalb des Leisees. Das Bergrestaurant besitzt 13 Gault-Millau-Punkte und wird von Elia und Loredana Zurbriggen geführt. Elia ist der Sohn der Skilegende. Der österreichische Küchenchef Markus Pössenberger zaubert mitten in den Bergen ein Gourmet-Erlebnis der Extraklasse auf den Tisch: handgemachte Bucatini-Pasta mit einem Basilikum-Sorbet, Tomaten, Burrata und Piemonteser Haselnüssen zum Preis von 27 Franken. Mittlerweile sitzen auch Moni Zurbriggen und drei Grosskinder auf der Terrasse. «Wir essen oft hier», sagt Pirmin Zurbriggen. Und fügt an: «Familienzeit ist für mich der grösste Lebenstraum.»
Ein Rauschen ist zu vernehmen. Lina und Eva haben sich versteckt und funken mit ihren Walkie-Talkies Grossvater Pirmin an. «Dank meinen Grosskindern kann ich meine digitale Fitness aufbauen», sagt der Hotelier und lacht. In Zermatt führt er mit Moni das Suitenhotel. Seit 37 Jahren sind Moni und Pirmin Zurbriggen verheiratet. Das Geheimnis ihrer glücklichen Ehe? «Liebe und Toleranz», antwortet Pirmin. «Dankbarkeit, Demut und Verständnis», sagt Moni. Das sportliche Paar unternimmt viel gemeinsam: Golf spielen, Ski fahren, Velo fahren, biken, wandern. «Wir haben auch einen gemeinsamen Traum: Wir möchten mit der Familie eine Ski-Hochtour machen und auf der Haute Route von Saas-Fee nach Chamonix das Hochgebirge durchqueren. Das war schon 2020 geplant gewesen, dann kam aber die Corona-Pandemie dazwischen», sagt Moni Zurbriggen, die im elterlichen Restaurant in Findeln mit ihren drei Geschwistern Vrony, Heinz und Leni aufgewachsen ist.
Autorennbahn als Siegerpreis
Beim Herumtollen mit den Grosskindern im «Paradise» schwelgt Pirmin Zurbriggen in Kindheitserinnerungen: «Ich wuchs mit meinen beiden Geschwistern Esther und Heidi im elterlichen Hotelbetrieb in Saas-Almagell VS auf. Ich war schüchtern, lebte zurückgezogen und hütete Schafe und Kühe.» Nie hätte er sich damals vorstellen können, einst die Welt zu bereisen und mit den grössten Skicracks am Start zu stehen. «Als Kind wäre ich gerne Architekt geworden. Mich reizten das Planen, Vorstellen und Realisieren eines Projekts», sagt der Gewinner von neun WM-Medaillen.
Pirmin Zurbriggens Berufswunsch änderte sich 1973 grundlegend, als er als Zehnjähriger bei den Topolino-Rennen im Trentino (I) – die inoffizielle Jugend- und Kinder-Weltmeisterschaft im alpinen Skisport – triumphierte und fortan Skirennfahrer werden wollte. An seinen Siegerpreis erinnert er sich noch gut. «Ich gewann eine elektrische Autorennbahn und konnte es kaum erwarten, sie zu Hause zusammenzustecken.» Geschwärmt habe er damals für den kürzlich verstorbenen Roland Collombin (†75). «Er war für mich ein Tausendsassa. Roland genoss das Leben, aber er war da, wenn es in den Rennen darauf ankam.»
Pirmin Zurbriggen zuzuhören, ist beste Unterhaltung. Oder hätten Sie etwa gewusst, dass in seinem Kühlschrank nie ein Mokka-Joghurt fehlen darf? Der Frühstücksklassiker gibt Energie für sein nächstes Projekt. Der bescheidene und bodenständige Weltstar will Zermatt als Berater zu einer neuen Abfahrt verhelfen. 2028 soll am Gornergrat im Gebiet Gifthittli-Schweigmatten nahe dem Riffelberg um Weltcup-Punkte gefahren werden – und nicht um eine Autorennbahn.