Vor zehn Jahren ist der legendäre Tessiner Clown Dimitri gestorben. Seine beiden Töchter Nina und Masha sind in seine grossen Fussstapfen getreten. In ihrem neuen Theaterstück lassen sie die Erinnerung an ihn aufleben.
Nina (links) und Masha Dimitri sind schon als Kinder zusammen mit ihrem Papa, dem Clown Dimitri, aufgetreten. Zum Beispiel 1973 im Circus Knie, mit ihren Brüdern David und Ivan. Siggi Bucher
Bunte Kleider an einer Stange, kurlige Plüschtiere, bereitgelegte Musikinstrumente und über allem der unmissverständliche Schriftzug «Cabaret» lassen erahnen, in welche Welt man hier in ein paar Stunden abtauchen kann. Die beiden Schwestern Masha (61) und Nina (59) Dimitri sowie ihre Bühnenpartnerin Silvana Gargiulo (55) trudeln im Berner Theater ein, um sich auf ihre Abend-Aufführung vorzubereiten.
Sie spielen ihr poetisch-musikalisches Programm «Cabaret Sorelle Forelle» vor ausverkauften Rängen. «Sorelle Forelle», also «Forellen-Schwestern», heisst auch die Whatsapp-Gruppe der drei Artistinnen.
Dimitris Liegestuhl
Nachdem sie sich eingerichtet haben, setzen sich Masha und Nina Dimitri auf den Bühnenrand. Vor zehn Jahren ist ihr Vater, der berühmte Tessiner Clown Dimitri, im Alter von 80 Jahren gestorben. «Unser Stück ist eine Hommage an ihn», sagt Masha Dimitri. Ohne ganze Nummern von ihm nachzuspielen, hätten sie kleine Erinnerungen eingebaut. So kommt zum Beispiel ein Liegestuhl zum Einsatz – als Reminiszenz an die berühmte Szene, in der Dimitri vergeblich versucht, einen solchen aufzustellen.
Dimitri, der ursprünglich Dimitri Jakob Müller hiess und später seinen Namen zu Jakob Dimitri umändern liess, war als Kind von Deutschschweizer Eltern im Tessin aufgewachsen. Mit seiner Frau Gunda Salgo (1934–2020) und den insgesamt fünf Kindern lebte er in den Tessiner Bergen. Im Dorf Verscio TI gründeten die Dimitris ein Theater und die Scuola Teatro Dimitri.
Neben Masha und Nina ist auch ihr älterer Bruder David (62) in die artistischen Fussstapfen des Vaters getreten, während es die Brüder Ivan (63) und Mathias (69) in andere Richtungen verschlagen hat. «Wir Kinder haben alle das Elternhaus sehr früh verlassen und unseren eigenen Weg gesucht», sagt Nina Dimitri. Sie selbst scheiterte als Teenager an der Aufnahmeprüfung für die familieneigene Schule. Daraufhin zog sie mit 19 Jahren nach Bolivien, um sich der südamerikanischen Volksmusik zu widmen. Später trat sie weltweit als Musikerin und Artistin auf.
Nina, Masha und David (von links) mit ihren Eltern Dimitri und Gunda bei einer Preisverleihung im Jahr 2013. Geri Born
Nina, Masha und David (von links) mit ihren Eltern Dimitri und Gunda bei einer Preisverleihung im Jahr 2013. Geri Born
Masha Dimitri zog schon mit 15 Jahren nach Budapest, um dort eine Zirkusschule zu besuchen. Nachdem sie auch die Scuola Teatro Dimitri absolvierte, arbeitete sie weltweit in Zirkussen wie dem Cirque du Soleil, dem New Yorker Big Apple Circus oder auch dem Circus Knie.
«La famiglia» wurde reaktiviert
Ab 2006 führten ihre Wege wieder in dieselbe Richtung: Clown Dimitri, seine Töchter Masha und Nina, Sohn David und Artist Kai Leclerc taten sich für das Stück «La Famiglia Dimitri» zusammen. «Das war der richtige Moment, um uns wieder anzunähern», sagt Masha Dimitri. 2014 spielten anstelle von David Dimitri und Kai Leclerc Ninas Sohn Samuel Müller Dimitri (39) und Silvana Gargiulo, die aus Mailand stammt und seit 1998 zur Dimitri-Theaterfamilie gehört, mit. «Das war der richtige Moment, um uns wieder anzunähern», sagt Masha Dimitri.
Werbung
Es sei spannend gewesen, ihren Sohn und ihren Vater beim Zusammenarbeiten zu beobachten, erzählt Nina Dimitri. Mit Samuel Müller Dimitri, der heute bei Mummenschanz mitwirkt, ist die dritte Dimitri-Generation künstlerisch tätig. Und dank dessen Tochter Romy (6) steht auch die vierte Generation bereits in den Startlöchern: «Sie liebt das Theater!», so Nina Dimitri strahlend über ihre Enkelin. Derweil ist Masha Dimitris Tochter Kira (31) auf eine andere Art kreativ: Sie lebt in Kanada und arbeitet in der Filmproduktion.
Sie seien ihrem Vater immer sehr nah gewesen, sagen die beiden Schwestern. «Papa war unser Vorbild», betont Nina Dimitri. Er sei aber auch streng gewesen. Habe er nach einer ihrer Vorstellungen bloss geschwiegen, war klar, dass es ihm nicht gefallen hatte.
«Du kannst werden, was du willst. Aber du musst die Beste werden», habe er seinen Kindern eingebläut. Dieser Satz beschäftigt Masha Dimitri bis heute: «Vermutlich ging es ihm dabei eher darum, dass wir in etwas wirklich gut sind, als tatsächlich die Allerbesten zu werden», sagt sie. Dennoch wirke die Aussage immer noch nach: «Manche Sachen würde ich eigentlich gern tun, zum Beispiel Handorgel spielen. Aber ich fange gar nicht erst damit an, weil ich weiss, dass ich nie die Beste darin sein werde.» So hätten sie sich vermutlich unbewusst ihre eigenen Bereiche gesucht: Nina Dimitri verwirklichte sich in der südamerikanischen Musik, und Masha Dimitri spezialisierte sich auf das Schlappseil: «Ich wusste, dass Papa das nie so gut beherrschen würde wie ich.»
Werbung
«Der Kitt ist loser geworden»
So wichtig Papa Dimitri für die Schwestern war: Ihre Mutter Gunda hätten sie ebenso stark bewundert. Sie habe im Hintergrund nicht nur die Familie, sondern auch das wachsende Familienunternehmen gemanagt. «Mama hat das Theater und die Schule aufgebaut», sagt Nina Dimitri. Heute helfe ihre Schwester Masha, dass das Theater am Laufen bleibe. Mit der Schule dagegen hat die Familie nichts mehr zu tun, diese ist mittlerweile der Tessiner Fachhochschule angegliedert.
Das Verhältnis unter den fünf Dimitri-Geschwistern ist laut Masha Dimitri «im Wandel»: «Unsere Eltern bildeten den Kitt, der nun loser geworden ist.» Ihre Schwester ergänzt: «Ja, der Zusammenhalt ist etwas verloren gegangen und fehlt mir ein bisschen.»
Umso näher sind sich nun aber die beiden Schwestern. Sie arbeiten in verschiedenen Projekten zusammen und wohnen lediglich zehn Autominuten voneinander entfernt: Masha in Ascona TI, Nina in Cavigliano TI. Während Masha, die als Kind gern Bäuerin geworden wäre und sich bis heute für die Landwirtschaft interessiert, zur Entspannung gern liest und Hörbücher hört, widmet sich Nina am liebsten ihrer Musik. «Und ich probe sehr gern», sagt sie.
Proben ist schon deshalb nötig, weil Nina Dimitri in der nächsten Zeit mit sechs verschiedenen Programmen unterwegs ist. Als «Sorelle Forelle» treten sie nach ihrer Winterpause ab März wieder auf. Mit Papa Dimitri im Herzen und dem von ihm geerbten breiten Lachen im Gesicht.