Nella Martinetti (†)

Hinter der Bühne flossen oft die Tränen

Es war ein strahlend ­schöner Sommertag, als die Schweiz im Juli 2011 mit Nella Martinetti (†) eine ihrer schillerndsten Figuren verlor. Doch im Leben der grossartigen Sängerin war wenig Sonnenschein, sondern viel Schmerz und unerfüllte Träume.

Leo Lüthy

Nella Martinetti, Sängerin 2007#Nella Martinetti, singer 2007
Grosse Stimme, grosse ­Inszenierung: ­Sängerin Nella Martinetti, die am 29. Juli 2011 im ­Alter von 65 Jahren starb. Glückspost

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Diesen Monat jährt sich Nella ­Mar­tinettis Todestag zum 15. Mal. Wer an die Tessiner Frohnatur denkt, hört noch immer ihr lautes Lachen und vielleicht auch das fröhliche Klimpern ihres Tamburins. Ich war einst ihr «Schatzeli mio» – aber natürlich nicht das einzige. Sie begrüsste jeden und jede mit diesen Worten. Hinter der bunten Fassade der ewigen Optimistin verbarg sich jedoch eine zutiefst dramatische, oft schmerz­hafte Lebensgeschichte.
Ihre Wurzeln lagen im idyllischen ­Brissago TI am Lago Maggiore. Dort, wo das Leben scheinbar sonnig und leicht ist, wuchs Nella auf. Schon als Teenager sass sie auf den Fenstersimsen des elterlichen Hauses, spielte Gitarre und sang mit ihrem Bruder Mauro. Obwohl sie erst eine Ausbildung zur Kindergärtnerin absolvierte, zog es sie unaufhaltsam auf die Bühne.
Martinetti war pure Musik. Sie schenkte uns ­lebensfrohe Hymnen wie «Bella ­Musica», schrieb für Peter, Sue & Marc den Evergreen «Io senza te» und verhalf 1988 einer damals noch unbekannten Céline Dion (58) mit «Ne partez pas sans moi» zum Euro­vision-Triumph. Nella National war eine musikalische ­Riesin – und privat doch so unendlich verletzlich und einsam.

Stille abseits der Bühne

Wenn das Scheinwerferlicht erlosch, blieb in ihrem Haus in Jona SG eine er­drückende Stille. Nella Martinetti sehnte sich zeit­lebens nach einer eigenen Fa­milie. Doch sie opferte diesen Traum der Karriere und den falschen Männern. Ihre erste grosse Liebe – ein verheirateter Mann, den sie in ihrer Biographie «Paolo» nannte – stürzte sie in eine emotionale Hölle. Als sie von ihm schwanger wurde, drängte er sie zur Abtreibung. Heimlich reiste sie nach Mailand (I).
Nella Martinetti mit Freundin Marianne Schneebeli in einem Tessiner Grotto#Nella Martinetti with girl-friend Marianne Schneebeli in grotto
Nella Martinetti mit Freundin Marianne Schneebeli in einem Tessiner Grotto#Nella Martinetti with girl-friend Marianne Schneebeli in grotto
Verliebt bis zum Tod: Nella Martinetti und ­Marianne ­Schnee­beli.Si
Verliebt bis zum Tod: Nella Martinetti und ­Marianne ­Schnee­beli.Si
Ein schweres Trauma, das eine lebenslange Wunde in ihrer Seele ­hinterliess: «An diesem Abend war die Sehnsucht nach einem eigenen Kind ­unbeschreiblich gross, so gross, dass jede Faser meines Körpers schmerzte.» Später machten ihre turbulenten Liebesgeschichten Schlagzeilen. Sie zeigte sich ­an der Seite von Männern, die ihre Söhne hätten sein können – wie dem 30 Jahre jüngeren Schlagersänger Claudio de Bartolo (50). Vieles davon war bewusste Inszenierung, hinter der ein verzweifelter Schrei nach Liebe und Bestätigung steckte. Genützt hat es wenig; oft wurde sie ausgenutzt und bitter enttäuscht: «Das Private hat mich kaputt­gemacht. Ich habe in der Garderobe oft bis kurz vor meinen Auftritten geweint. Dann musste ich rausgehen und für die Leute den Clown spielen.»

Sie fand ihre Retterin

Inmitten dieses privaten Chaos und der schweren körperlichen Leiden – sie litt jahrelang unter unheilbarer Fibromyalgie, Tablettensucht und schliesslich an Bauchspeicheldrüsenkrebs – gab es jedoch eine treue Retterin. Eine Frau, die zu ihrem echten emotionalen Anker wurde: Marianne Schneebeli (69). Hier der laute, exzentrische Paradiesvogel Nella, dort die stille, zurückhaltende Marianne. Erst 2009, als Nellas Krebserkrankung bereits bekannt war, liessen die beiden ihre Partnerschaft offiziell eintragen. Es war ein Schritt, der Martinetti sehr glücklich machte.

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Marianne Schneebeli sagt heute zur GlücksPost: «Die Zeit mit Nella war herausfordernd, gleichzeitig aber auch sehr erfüllend. Ich konnte viel von ihr lernen, vor allem den Mut zu haben, sich selbst zu sein und zu bleiben. Ganz egal, was die Leute sagen. Das hat mich tief beeindruckt. Und ich bin sehr dankbar über die gemeinsame Zeit.»

Zermürbende Schmerzen

In ihren letzten Monaten wurde es ruhig um die Sängerin. Die Schmerzen zermürbten sie. Dennoch weigerte sie sich bis zum Schluss, Mitleid zu erregen oder sich dem Schicksal einfach zu fügen. Sie blieb eine stolze Rebellin: «Es gibt keinen Mittelweg für mich. Gäbe es ihn, wäre ich eine ganz ­gewöhnliche Frau. Dann wäre ich nicht in der Öffentlichkeit, würde nicht provozieren und wäre nicht so geliebt und gehasst, wie ich es bin.»
Als die Ärzte ihr keine Hoffnung mehr machten, bewies sie ein letztes Mal ihren unbändigen Willen. Sie setzte die ­quälende Chemotherapie eigenmächtig ab, um die verbleibende Zeit intensiv und schmerzfrei zu erleben. Die 65-Jährige starb friedlich im Spital Männedorf ZH an der Seite ihrer Frau. Ihre Asche kehrte schliesslich dorthin zurück, wo ihre Stimme das erste Mal ­erklungen war: ins ­geliebte Brissago im Kanton Tessin.

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