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Matthias Glarner

«Jeder Mensch trägt einen Rucksack»

Zehn Jahre nach seinem Königstitel hilft die Schwing-Legende der neuen Generation im Kraftraum. Wie der Berner Oberländer die Bösen fit macht, wo Matthias Glarner selbst Kraft schöpft und warum es ihn nach Irland zieht.

Thomas Wälti

Kraftort Brienzersee: Schwingerkönig Matthias Glarner geniesst die Idylle im Naturschutzgebiet Lütschisand bei Bönigen BE.
Kraftort Brienzersee: Schwingerkönig Matthias Glarner geniesst die Idylle im Naturschutzgebiet Lütschisand bei Bönigen BE.Thomas Meier

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Während das stolze Dampfschiff «Blümlisalp» – die Königin des Thunersees – majestätisch über das Wasser gleitet, sitzt nebenan am Ufer des Brienzersees der leibhaftige König: Matthias Glarner (40). Die Schwing-Legende aus dem Berner Oberland empfängt die GlücksPost im Naturschutzgebiet Lütschisand bei ­Bönigen BE. Zehn Jahre ist es her, seit Glarner am Eidgenössischen Schwing- und Älplerfest in Estavayer-le-Lac FR triumphierte. Seinen Konter mit Fussstich gegen Armon Orlik (31) im Schlussgang hat er sehr präsent vor Augen. «Aber es ist nicht so, dass ich ständig daran denke», sagt der gebürtige Meiringer. «Ich habe jetzt ganz andere Projekte am Start. Den Königstitel trage ich ­jedoch gerne in meinem Lebensrucksack.»
Matthias Glarner, Unternehmer und Sportwissenschaftler mit einem Master of Science, hat beruflich gleich drei Standbeine: Gemeinsam mit seinem langjährigen Athletiktrainer Roland Fuchs (60) betreut er im Fitnesscenter «Spirit4Sports Pro» in Wilderswil BE rund 30 Sportler aus verschiedenen Disziplinen auf ihrem Weg an die Spitze. Ausserdem ist Glarner zwischen Dezember und März jeweils an der Eidgenössischen Hochschule für Sport in Magglingen BE als ­Trainer tätig. 34 Schwinger nutzen da die Gelegenheit, ihre Spitzensport-Rekrutenschule oder ihren militärischen Wiederholungskurs zu absolvieren. Und vor zweieinhalb Jahren hat Glarner auch noch die Rolle des OK-Präsidenten beim Eidgenössischen Schwing- und Älplerfest 2028 auf der Thuner Allmend übernommen – als erster König in dieser Funktion wohl­gemerkt.

Sport treiben, fischen, «Gladiator»

Wo schöpft der König selbst neue Kraft für sein grosses Arbeitspensum? «Ich bewege mich sehr gerne», antwortet der 14-fache Kranzfestsieger und Gewinner von 116 Kränzen. «Ich plane drei- bis viermal pro Woche jeweils zwei Stunden für Sport ein. Das können Einheiten im Kraftraum, aber auch Ausfahrten mit dem Bike sein.» In Zukunft möchte Glarner vermehrt an ­einen Bergsee wandern und dort angeln gehen, hat er doch seit längerem die Fischer­prüfung bestanden. Energie tankt er überdies beim Grillieren mit Freunden zu Hause in seiner Eigentumswohnung in Bönigen oder am Brienzersee. Wenn es die Zeit erlaubt, schaut der Haslitaler gerne historische Actionfilme wie «Gladiator» und «Braveheart» oder Sport-Dokumentationen. Oder er verbringt einen entspannten Abend auf der Couch mit nordischen Krimis. Ob er sich dort alleine oder mit ­jemandem hinsetzt, bleibt offen. Über sein Privatleben möchte er nicht sprechen.
SCHWINGFEST ESTAVAYER 2016
SCHWINGFEST ESTAVAYER 2016
Auf dem Thron: Matthias Glarner, mit Siegermuni Mazot de Cremo, feiert in Estavayer-le-Lac den Königstitel.Blicksport/Benjamin Soland
Auf dem Thron: Matthias Glarner, mit Siegermuni Mazot de Cremo, feiert in Estavayer-le-Lac den Königstitel.Blicksport/Benjamin Soland
Matthias Glarner ist auch musikbegeistert. Zuletzt besuchte er ein Konzert von Trauffer und eines der US-amerikanischen Punk-Rock-Band The Offspring, die am Greenfield Festival auf dem Flugplatz Interlaken BE gespielt hat. Zuoberst auf seiner Wunschliste steht eine Reise nach Irland: «Vor einem Jahr habe ich begonnen, Golf zu spielen. Golfen an der Irischen See, verbunden mit einem Pub­besuch in Dublin, einem feinen Guinness sowie Fish and Chips – das nenne ich Lebens­qualität.»

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Nüchterne Realität im Kraftraum

Während am Ufer des Brienzersees noch unberührte Naturidylle herrschte, bricht im Fitnesscenter die nüchterne Realität aus kaltem Stahl und schweren Hantelscheiben an. Hier trainieren die Spitzenschwinger Fabian Staudenmann (26), ­Adrian Walther (25), Curdin Orlik (33), ­Lario Kramer (28) und Patrick Gobeli (28). Im Kraftraum kommen aber nicht nur die Bösen gehörig ins Schwitzen. So bringen sich unter anderen die Eishockey-Nationalspieler Christoph Bertschy (32) und Andrea Glauser (30) sowie die Skirenn­fahrer Marco Kohler (28) und Livio Hiltbrand (22) in Form.
Wo Staudenmann normalerweise Gewichte stemmt, herrscht an diesem Nachmittag Leere. Der Topfavorit des Kilch­berger Schwingets am 5. September kommt erst am Abend ins Gym. Er und Glarner kennen sich seit der Spitzensport-RS in Magglingen, die Staudenmann im Winter 2020/21 absolviert hat. Seither ­arbeitet er unter Glarners Anweisung. Der König sorgt mit seiner akribischen Trainingssteuerung dafür, dass «Fäbu» und andere im richtigen Moment die maxi­male Explosivität abrufen können. «Fäbu gehört zur Generation Z, die nochmals signifi­kant in den Schwingsport investiert hat. Die heutigen Top-Schwinger haben ein ganz anderes Mindset und dadurch mehr Möglichkeiten, als wir sie damals hatten», sagt Glarner und nennt ein ­Beispiel aus dem Kraftraum: «Fäbu setzt bei einer Gewichtheber-Übung heute schon 145 Kilogramm um, obwohl er sich noch nicht auf dem Zenit seiner Karriere befindet. Ich hob in meinem Königsjahr 135 Kilogramm.»

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Matthias_Glarner_34.JPG
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Fit wie ein Turnschuh: Matthias Glarner geht drei- bis viermal pro Woche in den Kraftraum. Dort bringt er Top-Schwinger wie Fabian Staudenmann, Favorit am Kilchberger Schwinget, ins Schwitzen.Thomas Meier
Fit wie ein Turnschuh: Matthias Glarner geht drei- bis viermal pro Woche in den Kraftraum. Dort bringt er Top-Schwinger wie Fabian Staudenmann, Favorit am Kilchberger Schwinget, ins Schwitzen.Thomas Meier
Zurück am Seeufer weicht die stickige Enge dem erfrischenden Panorama des Brienzergrats. Matthias Glarner hat mit der Schweizer Autorin und Journalistin Anja Knabenhans ein Buch über sein Leben geschrieben – «Dream Big». Es erzählt, wie er seine schweren Schicksalsschläge verarbeitet und sich zurückgekämpft hat: 2017 stürzte der Schwingerkönig bei ­einem Fotoshooting von einem Gondeldach in Hasliberg BE zwölf Meter in die Tiefe und verletzte sich schwer. 2019 musste er sich wegen eines Herzfehlers einer Operation unterziehen. Und im Frühling 2020 starb sein Vater an den Folgen einer Corona-­Erkrankung.
Das Buch habe eine Botschaft, sagt ­Glarner: «Jeder Mensch trägt einen Rucksack, der die schönen Momente und die Enttäuschungen unserer Vergangenheit enthält.» Egal, wie schwer dieser Rucksack ist – es lohne sich, so Glarner, Ziele mit Zuver­sicht anzugehen. Und weiter: «Wenn ich für die Leserschaft ein Vorbild sein kann, macht mich das stolz!»

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