Früher jagte die Tennis-Ikone von Sieg zu Sieg. Heute dreht sich ihr Leben um ihre siebenjährige Tochter. Im engen Kreis der Familie hat Martina Hingis ihr privates Glück gefunden.
Remo Bernet
Die Verbundenheit zur Natur hat Martina Hingis von ihrer Mutter. Schon früh verbrachte sie viel Zeit mit ihr im Freien.Thomas Meier
Sie kommt gerade vom Golfplatz zurück und strahlt. Angesprochen auf das Resultat meint Martina Hingis (45) bodenständig: «Es lief ganz okay.» Die Freude am Sport stehe für sie im Vordergrund. Die Zeiten, in denen sie 209 Wochen an der Spitze der Tennis-Weltrangliste war und stets Höchstleistungen abliefern musste, sind längst vorbei. «Ich habe meine Zeit auf der Tour – also als Profispielerin – gehabt. Nun habe ich ein neues Leben mit anderen Prioritäten.»
Martina Hingis ist inzwischen Mutter. Ihr Leben dreht sich völlig um ihre siebenjährige Tochter Lia. Immer wieder kommt sie auf ihren Nachwuchs zu sprechen – und hat dabei jedes Mal ein Strahlen im Gesicht. «Ich bin wirklich sehr, sehr zufrieden», sagt sie.
In ein Loch gefallen sei sie nach dem Ende ihrer Karriere 2017 nicht, sagt Hingis. Von dieser Prüfung, wie sie viele Spitzensportler durchmachen, sei sie Gott sei Dank verschont geblieben. Der Übergang ins Familienglück verlief nahtlos. «Du musst einfach einen Grund haben, um aufstehen zu können und zu sagen: ‹Ich freue mich jetzt auf den kommenden Tag.›» Und bei ihr sei das nun ihre Tochter.
Sie liebt die Tradition
Dennoch bleibt der Tennissport bis heute überaus präsent in ihrem Leben. Vier bis fünf Mal jährlich greift sie noch bei Einladungsturnieren zum Racket. «Dann kommt auch wieder der Ehrgeiz hoch, und ich will gewinnen», sagt Hingis. Erst vor kurzem stand sie wieder auf dem legendären Wimbledon-Rasen. Drei Jahrzehnte nachdem sie dort mit nur 15 Jahren im Doppel ihren ersten Grand-Slam-Titel gewonnen hatte, setzte sie sich beim Einladungsturnier für Legenden mit Spielpartner Tommy Haas (48) nochmals durch. «Klar, kommen da Erinnerungen hoch», erzählt Hingis.
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In exklusiven Trainings gibt Martina Hingis ihre grosse Tenniserfahrung regelmässig weiter.Edouard Guibaud
In exklusiven Trainings gibt Martina Hingis ihre grosse Tenniserfahrung regelmässig weiter.Edouard Guibaud
Jahr für Jahr ist sie beim wichtigsten Turnier des Jahres vor Ort. «Wimbledon ist für mich immer ein bisschen wie Heimkommen.» Sie möge die traditionelle Seite des Tennisturniers im Südwesten von London. Bis heute müssen die Spieler dort nahezu komplett in Weiss gekleidet sein, das Publikum isst Erdbeeren mit Rahm. «Die schmecken auch 30 Jahre nach meinem ersten Sieg noch wunderbar», schwärmt Hingis.
Damals, auf dem Zenit ihrer Karriere, blieb oft keine Zeit zum Geniessen. Wenn sie am Sonntag ein Turnier gewann, stand am Montag bereits wieder Training oder die Anreise zum nächsten Wettkampf an. «Heute habe ich diesen Stress nicht mehr.» Bis heute schätzt sie es, sich vor Ort mit ehemaligen Weggefährten austauschen zu können. Immer wieder trifft sie auch auf die Königsfamilie. «Man kennt sich und plaudert über Tennis und wie sich junge Spieler entwickeln», erzählt sie von ihrem letzten Gespräch mit Prinz William (44) und Prinzessin Kate (44).
Denn auch Hingis’ Tochter Lia spielt gerne Tennis. Allgemein ist die Begeisterung der Unterstufenschülerin für Sport gross: Sie reitet auch gerne, liebt es zu klettern und fährt im Winter Ski. Druck, in die riesigen Fussstapfen der berühmten Mama zu treten, gibt es keinen. «Aber ich fördere und unterstütze sie: Mit meiner Mutter leite ich eine Tennisgruppe für Kinder. Lia steht da jeweils mit strahlenden Augen auf dem Platz», erklärt Hingis. Erst vor kurzem hat die Siebenjährige ihr erstes Spiel gewonnen. «Ihre Freude war natürlich riesig.»
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Sport ermöglicht ihrer Tochter ein wichtiges Fundament. «Sport ist eine Lebensschule», so Hingis. Man lerne Disziplin, Konzentration, Durchhaltevermögen, auch den Umgang mit Niederlagen. Das seien Kompetenzen, die einem im gesamten späteren Leben helfen – und von denen sie selbst bis heute profitiere, ist sich das einstige Tennis-Ass sicher.
Förderung durch die Mutter
Martina Hingis wurde bereits in jungen Jahren von ihrer Mutter Melanie Molitor (69) gefördert. Diese spielte einst selbst Tennis und war dann als Trainerin massgeblich am Erfolg ihrer Tochter beteiligt. Molitors späterer Partner Mario Widmer (84) übernahm das Management von Martina Hingis. Die beiden begleiteten das Ausnahmetalent über all die Jahre hinweg zu den Turnieren. Sie waren ein eingeschworenes Team – ein «Familien-Business», wie es Hingis mit einem Augenzwinkern umschreibt.
«Ich habe riesiges Glück damit gehabt, dass sie immer um mich herum gewesen sind», erinnert sie sich an die intensiven Jahre auf der Tour. Während andere Spielerinnen monatelang von ihren Familien getrennt um die Welt reisen und oft Heimweh haben, hatte Martina ihr Zuhause stets bei sich. Dieses innige Band zu ihren Liebsten hält bis heute an.
«Die Familie ist und bleibt für mich das Wichtigste», betont Hingis. Gerade aus Momenten, in denen sie mit Mama Melanie und Tochter Lia Zeit zu dritt verbringt, schöpfe sie viel Kraft. «Ich bin dankbar, dass meine Mutter heute noch da und gesund ist.»
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Mehrfach pro Jahr – wie auch am Tag, an dem die GlücksPost sie in Evian-les-Bains (F) trifft – ist Martina Hingis als Markenbotschafterin für das Tennis-Trainings-Unternehmen «Lux Tennis» im Einsatz. An ausgewählten Tagen gibt sie da in Gruppen- und Einzelunterricht ihr Wissen weiter. Ausserdem tauscht sie sich während des Rahmenprogramms mit oftmals von weither angereisten Tennisfans aus. «Der Kontakt mit tennisbegeisterten Menschen ist mir wichtig, der Austausch macht mir Spass», sagt Hingis.
Martina Hingis beim Interview mit GlücksPost-Unterhaltsungs-Chef Remo Bernet.Thomas Meier
Martina Hingis beim Interview mit GlücksPost-Unterhaltsungs-Chef Remo Bernet.Thomas Meier
Trotzdem ist die Schweizerin, die mit 16 Jahren zur jüngsten Nummer 1 der Tennisgeschichte wurde, heute froh, dass der Rummel um ihre Person etwas abgeflacht ist. Öffentliche Termine wählt sie ganz bewusst aus – zu kostbar erscheint ihr die Zeit, die sie lieber mit ihrer Tochter und ihrem Pferd verbringt. «Auf diese Art kann ich Energie tanken und die wunderbare Schweizer Natur geniessen», sagt sie.
Pferde waren schon während ihrer Tenniskarriere eine grosse Leidenschaft. «Reiten war für mich immer ein guter Ausgleich», erzählt Hingis, die im Sankt Galler Rheintal aufgewachsen ist. Es habe zwar immer auch ein Verletzungsrisiko dargestellt. «Meine Mutter hat es mir gleichwohl nie verboten. Sie wusste, wie wichtig der Umgang mit Pferden für mich ist.» Dass sie die Passion fürs Reiten jetzt auch mit ihrer Tochter teilen darf, sei umso schöner.
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Glücklich mit kleinen Dingen
Schon früh hat Hingis alles auf die Sportkarriere gesetzt, während Gleichaltrige ein beschaulicheres Leben führten. Ob sie sich manchmal nicht wünscht, damals einen anderen Weg eingeschlagen zu haben? Hingis schüttelt den Kopf. Sie wiederholt, was sie schon einmal gesagt hat: «Ich bin gerade wirklich zufrieden.» Das Leben, das sie führen dürfe, sei nur dank des Tennissports möglich, ergänzt sie. «Ich durfte früh die Welt sehen und vieles erleben. Das hat mich zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin.»
Unerfüllte Träume habe sie jedenfalls keine, sagt Hingis. Zwischen den vielen Siegen, aber auch Niederlagen als Tennisspielerin habe sie gelernt, dass das Glück oftmals in den kleinen Dingen zu finden sei. Für sie bedeutet das heute einen spontanen Ausflug in die Badi oder ein Musical-Besuch mit Tochter Lia, «oder einfach auch nur ein entspanntes Wochenende zu Hause», so Hingis. «Das sind die Sachen, für die es sich lohnt, am Morgen aufzustehen.»