«Wenn ich gesund bleibe, steht mir die Welt offen»
Dankbarkeit, Freundschaft, Theaterliebe: Mit 75 Jahren feiert die Schauspielerin und Sängerin das Leben. Wie Maja Brunner die kleinen Freuden im Alltag geniesst und unangenehme Dinge loslässt.
Maja Brunner wird ihren Geburtstag mit der Familie bei sich zu Hause in Schindellegi SZ feiern. Hier lebt die Sängerin seit 36 Jahren. Sie liebt ihr «Nest». Amanda Nikolic
Seit 40 Jahren ist Maja Brunner aus der Schweizer Unterhaltungsszene nicht mehr wegzudenken – ob auf der Gesangs- oder Theaterbühne. «Ich habe mich mein Leben lang nie verstellt, immer gesagt, was ich denke.» Das tut sie auch im Interview anlässlich ihres 75. Geburtstags am 6. Juli. Die Sängerin und Schauspielerin erzählt daheim in Schindellegi SZ, was sie mit dem Alter vermehrt geniesst oder loslässt.
Davon bitte mehr!
Wahre Freundschaft: Meine Freundschaften pflege ich heute noch intensiver. Die wirklichen Freunde sind in meinem Leben immer dieselben geblieben. Auch sehe ich meine Gschpändli-Truppe aus Kindertagen, alle zwei Monate. Wir sind im gleichen Quartier in Küsnacht ZH aufgewachsen. Und mit den Mitschülerinnen der Handelsschule treffe ich mich alle zwei Jahre. Das sind lockere, aber konstante Freundschaften.
Tägliche Runden: Sportlich war ich nie und werde es auch nicht mehr. Aber wenn das Wetter halbwegs mitspielt, gehe ich jeden Tag eine Stunde spazieren. Die frische Luft tut mir gut, und die Bewegung ist enorm wichtig für meine Kondition, die Glieder und mein inneres Gleichgewicht.
Dankbarkeit im Gebet: Mein erster Gedanke am Morgen und mein letzter am Abend ist derselbe. Ich bete und sage: «Danke vielmal, lieber Gott.» Auch in Situationen, in denen ich nicht weiterweiss, bitte ich um Hilfe von oben. Es hat sich meistens ein Weg aufgetan und dafür bin ich zutiefst dankbar und demütig.
Theater: Ich liebe das Theater und will unbedingt weiterspielen, auch weil ich dann immer Neues lernen muss! Grundsätzlich bin ich nämlich ein ziemlich fauler Mensch und würde nur auf dem Balkon lesen oder Rätsel lösen (lacht). Deshalb umso schöner, ist das Jahr 2027 schon prall gefüllt mit tollen Engagements: Im Februar geht es los mit der Wiederaufnahme von «Mensch Läppli», dann bin ich in Verhandlung für das Musical «Ewigi Liebi», das wieder aufgeführt wird und in «Mord im Orientexpress» in meinem geliebten Bernhard Theater. Auf all das freue ich mich riesig. Da ich dieses Jahr keine mehrmonatigen Theater-Engagements mehr habe, sondern nur einzelne Gesangsauftritte, schaue ich mir vermehrt die Produktionen meiner vielen Kollegen und Kolleginnen an. Im Publikum zu sitzen und zu wissen, wie sie jetzt mit Herzklopfen hinter der Bühne stehen, ist schön. Ich geniesse es sehr, selber Kultur konsumieren zu können.
Kleine Glücksmomente: Im Alter habe ich gelernt, mich an kleinen Sachen zu freuen. So stehe ich jeden Morgen auf und erfreue mich an meinem Eichenholzparkett, das ich kürzlich nach 36 Jahren in dieser Dachwohnung bekommen habe. Ein neues Gefühl! Auch kommen mir viel schneller vor Rührung die Tränen, was mich nervt (lacht).
Stilbewusstsein: Ich bin eitel und modisch wohl in den 80ern steckengeblieben – inklusive Schulterpolster! Falten stören mich nicht, aber schwabbelnde Arme finde ich schrecklich, weshalb ich nicht mehr ärmellos trage. Mein Credo: Ohne Kostüm und perfekte Maske gehe ich in diesem Leben nicht mehr aus dem Haus. Daheim darf es gerne auch mal der Pyjama-Look mit verstrubbelten Haaren sein. Aber mich stört es, wenn ältere Menschen ungepflegt sind – das stört mich übrigens auch bei Jungen. Bis zum Ende werde ich wohl meine Eitelkeit bewahren.
Träume: So lapidar es tönt: Mein grösster Traum ist es, gesund zu bleiben, denn dann steht mir die Welt offen. Ich träume weder von einem Haus, einem Boot noch vom Reisen. Ich bin ein Stubenhocker und wahnsinnig gerne daheim. Mein Zuhause ist mein Nest, ich pflege und geniesse es.
Darauf verzichte ich
Grosse Feste: Meinen 75. Geburtstag feiere ich nur im engsten Familienkreis. Grosse Partys, bei denen man sich den Kopf zerbricht, wen man noch einladen müsste, brauche ich nicht mehr. Das habe ich zu meinem 60. mit 80 Gästen abgehakt. Heute treffe ich mich lieber zu zweit mit Freunden – so bleibt Zeit füreinander.
Falsche Freunde: Neue Freundschaften schliesse ich nicht aus, aber suche sie nicht. Ich habe wirklich das Gefühl, dass ich abgedeckt bin. Freundschaft braucht Pflege, und es werden auch weniger Menschen, die man im Leben hat. Da merkt man vor allem auch, dass es gar nicht mehr so viele sind, die einem wichtig sind. Enttäuscht haben mich in der Vergangenheit jene Beziehungen, die sich im Nachhinein als rein geschäftlich entpuppten. Das hat mich in zwei, drei Fällen traurig gemacht.
Ewiges Aufschieben: Ich war die Weltmeisterin im Prokrastinieren und habe Dinge so lange vor mir hergeschoben, bis ich sie jeweils in Nachtarbeit erledigen musste. Ich brauchte immer den Druck. Mittlerweile bin ich besser geworden: Ich habe mein Büro perfekt aufgeräumt und besser gelernt, Unangenehmes sofort zu erledigen.
Neue Liebe: Ich kann ehrlich sagen, dass ich in meinem Leben so richtig intensiv geliebt habe und nicht mehr davon träume, den Mann fürs Leben zu finden. Eine Paarbeziehung brauche ich nicht mehr. Klar fehlt mir manchmal körperliche Nähe wie ein bisschen Kuscheln oder eine Umarmung. Aber für diese paar Momente gebe ich meine Freiheit nicht auf. Es ist jetzt gut so, wie es ist.
Jammern und Hadern: Bei mir ist das Glas immer halbvoll. Wenn jemand in meinem Umfeld jammert, höre ich mir das ein paar Mal verständnisvoll an. Aber irgendwann sage ich: «Jammere nicht, tu etwas, wenn du kannst!»
Bereuen: Natürlich frage ich mich manchmal: «Wie wäre es gewesen, wenn ich Kinder und heute vielleicht Enkelkinder hätte?» Das ist eine leise Melancholie, aber kein bitterer Schmerz. Mit 36 kam meine Karriere in Schwung, es war ein Stück Egoismus dabei, und der richtige Mann fehlte. Ich schätze mich glücklich, dass ich die Kinder meines Ex-Partners Philipp Mettler und dessen Frau Patricia beim Grosswerden begleiten durfte – auch wenn jetzt langsam das schmerzhafte Ablösen beginnt, leider.
Alter Groll: Früher habe ich oft geschmollt. Heute springe ich lieber über meinen Schatten und spreche Probleme direkt an, statt tagelang darüber zu grübeln. So konnte ich nun einige emotionale Knöpfe lösen und Missverständnisse mit Menschen aus dem Weg räumen, die mir wirklich etwas bedeuten. Es hat sich gelohnt und mich befreit!