Ob auf dem E-Bike oder im Theater: Heidi Maria Glössner (82) bleibt voller Schwung. Diesen Oktober stehen für die Schauspielerin («Die Herbstzeitlosen») gleich vier Wiederaufnahmen an – darunter Ferdinand von Schirachs Stück «Gott – Wem gehört unser Leben?». Seit 2022 steht sie damit immer wieder auf der Bühne. «Über den Tod zu reden, war jahrzehntelang ein Tabu, obwohl das Thema die Menschen sehr stark bewegt», sagt Glössner. Die GlücksPost trifft die in Uzwil (SG) aufgewachsene gebürtige Deutsche in ihrer jahre-langen Wahlheimat Bern, um über das Stück, das Leben und das Sterben zu sprechen.
GlücksPost: Frau Glössner, wie oft sind Sie beruflich schon gestorben?
Heidi Maria Glössner: Noch nicht so oft. Einmal in einem Stück von Sabine Harbeke, dann als Lisi in «Die Herbstzeitlosen» und jüngst in der SRF-Serie «Maloney», da starb ich an einer Medikamentenverwechslung.
Waren Sie dem Tod auch im richtigen Leben schon nahe?
Ja, als mich 1979 in Montreux ein Auto überfahren hat. Ich sah das berühmte Licht und verspürte ein tiefes Glück. Doch der Gedanke an meinen Sohn holte mich zurück. Als jemand auf Englisch sagte: «She is dead», soll ich geantwortet haben: «Ich bin nicht tot, es ist noch nicht Zeit für mich zu gehen.»
In «Gott» will Ihre Figur Frau Gärtner nach dem Tod ihres Mannes mit Sterbehilfe selbstbestimmt gehen – obwohl sie körperlich gesund ist. Was interessiert Sie an der Rolle?
Das Stück finde ich sehr faszinierend und intelligent in seiner ganzen Argumentation. Bis heute höre ich den verschiedenen Ansichten aufmerksam zu, es verliert nie an Spannung. Persönlich forderte ich übrigens schon länger das Recht auf das selbstbestimmte Sterben.
Wenn ich so weit komme, dass mir das Leben überhaupt keinen Spass mehr macht, dann möchte ich das selber entscheiden dürfen, ob ich noch hier sein soll. Wie Frau Gärtner im Stück sagt: «Kein Priester, Arzt oder wer auch immer soll bestimmen, wie ich sterben darf.» Das hat für mich mit persönlicher Freiheit zu tun. Die Verbindung der Schweizer Ärztinnen und Ärzte (FMH) verbietet aber leider, physisch gesunden Menschen das Medikament zu verschreiben.
Und das verstehen Sie nicht?
Klar, finde ich es für die Ärzte schwierig, aber es wäre ja auf mein Verlangen hin. Dieses Medikament gibt einem die Möglichkeit, ohne Schmerzen, in Würde gehen zu können – so wie man auch gelebt hat. Als Beispiel eben meine Rolle im Stück «Gott»: Die Frau hat seit dem Tode ihres Mannes seelische Schmerzen, sie ist lebensmüde. Das kann ich persönlich sehr gut nachvollziehen.
Im Stück argumentieren die verschiedenen Autoritäten – Bischof, Anwalt, Ärztin – vor dem Ethikrat, ob die Frau das Medikament erhalten darf. Am Schluss beantwortet das Publikum die Frage.
Und noch jedes Mal bekam die 78 Jahre alte Frau die Zustimmung des Publikums. Aber ich respektiere auch Menschen, die anders entscheiden. In meinem Bekanntenkreis gibt es vehemente Gegner von Sterbehilfe, weil sie religiös sind. Ich persönlich wäre für eine Altersgrenze, also dass man vielleicht ab 80 das Medikament erhalten darf.
Wieso gerade dieses Alter?
Dann hat man lange gelebt, sehr viel erlebt, aber auch viel verloren um sich herum. Viele sind schon sehr einsam. Und auch für die Gesellschaft ist es nicht mehr so ein Schock, wie bei einer 50-Jährigen, die noch voll im Leben sein könnte. Wir Alten sind mündige Wesen, auch wenn die Gefahr besteht, dass auf ältere Menschen Druck ausgeübt werden könnte, weil sie nicht zu viel kosten dürfen, wie die Gegner meinen. Es ist ein komplexes Thema.
Sind Sie Mitglied bei einer Sterbehilfe-Organisation?
Nein, noch nicht. Ich vergesse es seit drei Jahren immer wieder. Ich habe so viele Termine im Kopf, die dringlicher sind, da brannte mir das Formularausfüllen bisher einfach nicht auf der Seele.
Genau, denn in diesem Fall kenne ich meine Frist nicht. Auch fühle ich mich so gesund. Für eine Fernsehsendung wurde ich kürzlich getestet, und das Resultat zeigte, dass ich genetisch zu den 15 Prozent der gesündesten Menschen gehöre. Aber, und das habe ich schon oft gesagt, bin ich auch bereit, wenn es übermorgen fertig sein sollte.
Weil ich die Welt mit all ihren schrecklichen Geschehnissen fast nicht mehr aushalte. Doch kaum bin ich im Theater, bin ich wegkonzentriert und überglücklich. Sagen wir es so: Als Privatperson habe ich keine richtige Lebenslust mehr, bin eher lebensmüde. Aber als Schauspielerin bin ich lebensfroh.
Sind Sie deshalb noch so aktiv?
Ich habe wirklich ein Glück. Das Theater ist mein Lebenselixier. Und mit meinen zwei Enkelinnen habe ich noch eines dazubekommen. Sie sind so spannende kleine Persönlichkeiten, ich habe grosse Freude an ihnen. Das wäre für sie wahrscheinlich ein Schock, wenn «Heidi», wie sie mich nennen, freiwillig gehen würde.
Was antworten Sie, wenn Ihre Enkelinnen fragen, wohin Verstorbene gehen?
Das haben sie Gott sei Dank noch nicht gefragt. Ich würde sagen, dass ich es noch nicht weiss, aber dass wir vermutlich wieder ins Universum eingehen. Wir wissen auch gar nicht, woher wir kommen. Das ist ein grosser Kreislauf, ein faszinierendes Geheimnis.
Was soll mit Ihren sterblichen Überresten geschehen?
Das ist mir völlig wurst. Es ist der Geist, der unser Ich ist. Der Körper ist nur eine Hülle, das wurde mir kürzlich wieder bewusst, als ich meinen Kater Chili beerdigen musste. Sobald er tot vor mir lag, war er nicht mehr Chili, sondern nur noch diese Hülle. Er selbst war in meinem Herzen. Unser Körper ist wie ein Mantel, ein Kleidungsstück. Sobald ich aus diesem draussen bin, bleibt diese leere Hülle zurück und ich schwirre dann vielleicht als Geist umher (lacht).
Glauben Sie an eine höhere Instanz?
Ich glaube nicht mehr so direkt an den lieben Gott, aber an eine höhere Macht. Ich gehöre weiterhin der katholischen Kirche an und fühle mich noch immer solidarisch. Nur kann ich nicht mehr wirklich an die Entstehungsgeschichte glauben. Aber wenn ich sehe, wie die Natur funktioniert, wie jede Pflanze wächst, frage ich mich schon, woher das alles kommt. Es gibt viel Unerklärliches, so viele Wunder. Aber es darf auch grosse Fragezeichen in meinem Leben haben, ich muss nicht alles wissen.
Woher schöpfen Sie Kraft?
Neben dem Inhalt meiner Arbeit, die mir Energie gibt, und dem Lebendigen meiner Enkelinnen beobachte ich oft die Natur. Wir waren am Sonntag noch an der Aare im Muribad, weil das der letzte Tag war. An diesem Fluss zu sitzen und das glitzernde Wasser und die Schönheit der Natur zu sehen, hat mich mit tiefer Dankbarkeit erfüllt. Ich bin empfänglich für Schönheit in jeder Form. Dann schweifen meine Gedanken wieder zu den leidenden Menschen ab ...
Inwiefern hilft in solchen Situationen Ihr Lebensfreund Adrian?
Adrian ist in sich ruhend. Gerade in der Natur kann er alles vergessen, fühlt sich als Teil davon. Er ist ein grosser Naturmensch und kann in seiner Alphütte sitzen, an die Felsen und über die Wiesen sehen, die Gämsen beobachten. Das macht ihn so glücklich. Das kann er definitiv besser als ich.
Es tut Ihnen gut, mit ihm zu sein?
Ja, er hat eine beruhigende Wirkung auf mich.
Was bedeutet für Sie eigentlich das Wort selbstbestimmt?
Emanzipation. Ich wollte nie heiraten und tat es nur, weil mein Sohn unterwegs war. Seit der Scheidung lebte ich in keinem gemeinsamen Haushalt mehr. Trotz wunderbarer Liebschaften wollte ich immer unabhängig bleiben – ohne Unterwerfung oder fremde Erwartungen.
Nein. Und ich muss ehrlich gestehen, dass ich Ehepaare, die wirklich glücklich zusammen sind, beneide. Das muss paradiesisch sein. Ich weiss auch von einem Ehepaar, das gemeinsam aus dem Leben geschieden ist. Das finde ich wahnsinnig berührend. Ich weiss nur, dass es etwas vom Schwierigsten auf der Welt ist, eine Beziehung zu führen. Ich glaube, ich bin einfach etwas zu eigenwillig.
Gehen wir noch einmal zurück zum Thema Sterben. Haben Sie schon einen Menschen in den Tod begleitet?
Ja, am 4. Januar 2000, als meine geliebte Tante Ida auf natürliche Weise an Pankreaskrebs starb. Es war unglaublich berührend. Als das Hausbüsi des Pflegeheims ihr Zimmer verliess, wusste ich, dass es so weit war. Ich hielt Tante Ida und sagte: «Du gell, wenn du rüberkommst, sagst du Mama und Müetti ganz en liebe Gruess.» Sie war bewusstlos, aber sie lächelte, und eine Träne lief ihr über die Wange. Sie atmete hörbar aus und war tot. So friedlich! Für mich war das nochmals ein Trost zu diesem schönen Licht bei meinem Unfall und versöhnte mich noch mehr mit dem Tod. Wenn sich jemand auf ihn einlässt, kann er so leicht sein.
Heidi Maria Glössner in «Gott»: 29. und 30. 10. 2026 im KKThun, 31. 10. und 1. 11. 2026 im Theatersaal Langenthal sowie vom 27. bis 30. 1. 2027 im Zürcher Bernhard-Theater.
Persönlich
Am 20. Oktober 1943 in Deutschland geboren, wächst Heidi Maria Glössner bei einer Freundin ihrer Mutter in Niederuzwil SG auf. Nach Gymnasium und Schauspielschule in Zürich arbeitet sie an verschiedenen Schweizer Bühnen, von 1987 bis 2008 am Berner Stadttheater. Sie wird 2006 mit dem Kino-Hit «Die Herbstzeitlosen» schweizweit bekannt. Für ihr Werk wurde sie mehrfach geehrt, u. a. 2016 mit dem Prix Walo. Glössner ist Mutter eines Sohnes (52) und hat zwei Enkelinnen (11 und 9).