Vom Fussballrasen auf die Wildblumenwiese: Der Kult-Trainer ist glücklich über den Meistertitel des FC Thun. Ebenso stolz ist Hanspeter Latour, wenn er ein seltenes Tier mit der Kamera erwischt.
Thomas Wälti
Trainer-Legende Hanspeter Latour freut sich über Vogelgezwitscher, Schmetterlinge und seltene Mauswiesel. Thomas Meier
Der FC Thun ist zum ersten Mal Schweizermeister im Fussball. «Wunderschön, dass ich das noch erleben darf!», sagt Hanspeter «Pudi» Latour (78) gerührt. Der legendäre Trainer sitzt auf der Gartenterrasse des Hotels Seepark in Thun BE. Sein Blick schweift auf Eiger, Mönch und Jungfrau. «Das Panorama passt», sagt Latour. «Trainer Mauro Lustrinelli hat seinen Schützlingen Selbstvertrauen eingeimpft, damit sie Berge versetzen können und nur schwer zu schlagen sind.» Der Meistertitel sei für ihn keine Sensation. «Während andere Klubs wie ein Finanzunternehmen auftreten und Spieler als Spekulationsobjekte betrachten, ist beim FC Thun etwas über die Jahre zusammengewachsen.» Er stützt seine Aussage mit einem kernigen Spruch: «Wenn der Schiedsrichter anpfeift, fragt niemand, wie hoch das Budget ist.»
Plötzlich platzt eine Frau ins Interview. Ob sie ein Selfie mit Latour machen dürfe, fragt sie höflich. «Pudi» steht auf, grüsst herzlich und sagt ganz gentlemanlike: «Aber sicher, gerne doch!»
«Das isch e Gränni!»
Latour geniesst als Fussballtrainer Kultstatus. Der Wutausbruch im November 2002 an der Seitenlinie des FC Thun gegen Servette machte ihn bekannt. «Das isch e Gränni! Das isch nid normau, Herr Meier», schimpfte er in breitestem Berndeutsch in Richtung Schiedsrichter. Zwei Jahre später hatte er an einer Pressekonferenz vor dem Spiel gegen den amtierenden Meister FC Basel angekündigt: «Wenn das Stadion ausverkauft ist und wir gewinnen, verteilen wir im ganzen Oberland Läckerli.» Das Stadion war ausverkauft, Thun gewann 4:1, die Wette wurde eingelöst. Das Läckerli Huus hat nebenbei bemerkt für die 20 000 Stück keine Rechnung gestellt. «Besser kann PR ja nicht sein!», meint er mit einem Schmunzeln. Unvergessen bleiben auch Latours Motivationstricks: So schickte er seine Spieler nach einer Niederlage gegen YB durch eine Autowaschanlage – die Niederlage gegen den Kantonsrivalen war somit abgewaschen.
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Als emotionalsten Moment seiner Trainer-Karriere bezeichnet Latour den Aufstieg mit dem FC Thun in die Nationalliga-A nach 47 Jahren. «Mein Bubentraum ging 2002 in Erfüllung. Wir gewannen das entscheidende Spiel gegen Winterthur. Es fand im gleichen Stadion statt, in dem ich früher als Ballboy tätig war.»
Fotosafari im Eriz
Latour verfolgt die Heimspiele des FC Thun in der Stockhorn-Arena nur sporadisch, gerade dann, wenn sie in sein Programm passen. Er hat längst eine andere Leidenschaft für sich entdeckt: Er beobachtet die Natur und fotografiert die Veränderungen. Zudem hält er Vorträge über Motivation und Teambildung sowie die Themen Biodiversität und Artenvielfalt. Allein im vergangenen Jahr wurde er für 42 Referate gebucht. Auch vier Bücher hat er veröffentlicht: «365 Tage Biodiversität», «Natur mit Latour», «Das isch doch e Schwalbe!» und «Das isch doch e Gränni!».
Mit Ehefrau Thilde (78) wohnt Latour in Steffisburg BE. Seit 40 Jahren verbringt der zweifache Familienvater und dreifache Grossvater viel Zeit am Zweitwohnsitz auf der Geissegg in Eriz BE, am Fuss der Sieben Hengste. Im 2000 Quadratmeter grossen Grundstück mit Wald, einer Wildblumenwiese und einem Naturgarten mit Biotop legt er sich mit der Kamera auf die Lauer, um das perfekte Wildtierbild einzufangen. Er bekommt einiges vor die Linse: 60 Vogelarten, 80 Schmetterlingsarten sowie Füchse, Stein- und Baummarder, Dachse, Iltisse, Igel, Rehe, Hasen und Mauswiesel. «Die Natur hat mich seit jeher fasziniert. Sie ist mein Kraftort.»
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Mit Thilde ist er seit 1972 verheiratet. Das Paar hat zwei Kinder und drei Enkel.Remo Naegeli
Mit Thilde ist er seit 1972 verheiratet. Das Paar hat zwei Kinder und drei Enkel.Remo Naegeli
Und wieder streut Latour einen witzigen Spruch ein: «Auch beim Fotografieren kannst du einen Penalty verschiessen!» Stolz ist er darauf, dass er nach tagelangem Aufspüren ein kleines Mauswiesel fotografieren konnte. «Nun spiele ich in der Wildtierfotografie auch in der Champions League, denn das Mauswiesel lebt sehr zurückgezogen. Es aus der Nähe zu sehen und zu fotografieren, ist äusserst selten. Ein Elefant auf einer Safari in Afrika ist auf jeden Fall leichter zu erwischen.» Die Begegnung mit dem Mauswiesel spiegelt sein Lebensmotto wider: «Wer fleissig und mutig durchs Leben geht, ist parat, wenn das Glück vorbeikommt», sagt er.
Seit 54 Jahren ist Hanspeter Latour mit Thilde verheiratet. Gibt es ein Geheimnis für die lang anhaltende Verbundenheit? «Ja! Ich buhlte einst mit dem Lied ‹Wenn der weisse Flieder wieder blüht› um ihre Gunst. Ich konnte ja nicht balzen wie der Auerhahn. Spass beiseite: Wir pflegen eine Beziehung, die auf gegenseitigem Respekt basiert, ohne dass wir uns verbiegen oder ständig anpassen müssen. Thilde mag ihre Hobbys, auf Reisen gehen oder das jüngste Grosskind in Zürich hüten. Mich dagegen zieht es in die Natur», sagt der gelernte Laborant Metallkunde. Und: «Alles wird geteilt!»
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Einen Schranz in den Bauch gelacht
Gedanken über das Älterwerden begegnet das Paar mit einer Prise Humor: «Wenn ich vom ‹Kömerle› zurückkomme, fragt mich Thilde als Erstes, ob ich die Probon-Rabattmarke mitgebracht habe.» Und dann gebe es noch die Geschichte mit dem Toaster: «Ich legte zwei Brotscheiben in den Röster – und lief davon. Als ich zurückkehrte, waren die Scheiben ausgespickt. Ich bedankte mich bei Thilde für ihre Aufmerksamkeit, bis ich feststellte, dass der Toaster die Scheiben ja automatisch ausgeworfen hatte. Wir haben uns einen Schranz in den Bauch gelacht.»
Denkt ein Motivationskünstler wie Hanspeter Latour mit 78 Jahren an die Endlichkeit? «Ich bin mir bewusst, dass ich mich in einem Wald bewege, wo geholzt wird. Aber ich möchte nicht dem nachtrauern, was nicht mehr geht, sondern mich an dem freuen, was ich noch machen kann. Und das ist in meinem Fall gottlob nicht wenig.»