Franjo von Allmen, Mathilde Gremaud, Tanguy Nef und Marco Odermatt
Tränen, Siege und tiefe Abgründe
Bei den Olympischen Spielen in Italien begeisterten unsere Schweizer Ski-Stars. Doch hinter dem Jubel verbergen sich bittere Tränen, finanzielle Krisen und psychische Rückschläge. So hart war der Weg der Athleten zum Gipfel des Glücks.
Seine Olympia-Bilanz ist einfach unglaublich: Gleich drei Goldmedaillen bringt Franjo von Allmen (24) aus Bormio (I) mit. «Ich kann nicht viel mehr tun, als Danke zu sagen», meint er kurz nach dem grossen Erfolg. Es sind Worte, die zeigen, wie bodenständig der Berner geblieben ist.
Aus gutem Grund: Sein Weg zur Weltspitze war geprägt von Hürden. Als er 17 Jahre alt ist, verstirbt sein Vater. «Ich war jung, und es war sehr hart für mich», erzählt er später in einem Interview. Seine beiden Geschwister und ihn habe das aus der Bahn geworfen. Hinzu kommen finanzielle Sorgen: Von Allmen macht eine Lehre als Zimmermann, die
Kosten für die Trainings und Wettkämpfe können er und seine Familie sich nicht leisten. Nur durch einen Spendenaufruf, bei dem rund 16 000 Franken zusammenkommen, kann er die Zeit überbrücken, bis er den Sprung ins Kader von Swiss-Ski schafft.
Noch immer lebt er in seiner Heimat Boltigen BE im Simmental. «Jeder kennt hier jeden. Man wird vielleicht etwas anders angeschaut, aber schlussendlich ist es auch das Schöne hier: Man ist und bleibt immer noch Franjo.» Nicht weit weg, am Jaunpass, wagte er seine ersten Schwünge. Seither widmet er sein Leben dem Skisport. Was ihn daran so fasziniert? «Es ist die Freude an der Geschwindigkeit und die damit verbundenen Emotionen. Davon kann ich nie genug kriegen.»
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Mit Bruder Kilian wohnt er in einer WG. Viel zu Hause sei er ohnehin nicht, darum passe das wunderbar. In der Saisonpause unterstützt er Kilian immer wieder auch in dessen Bagger- und Transportunternehmen, packt aber auch als Zimmermann mit an.
Privat ist er ebenfalls am liebsten schnell unterwegs: Franjo von Allmen ist leidenschaftlicher Motocross-Fahrer. Mit Freunden kann er auch mal nächtelang an seinem Töff rumschrauben, dabei den Kopf lüften. Auf der Rennstrecke kennt der Berner Oberländer dann aber wie auf der Skipiste nur ein Tempo: Vollgas!
Die Kämpferin: Mathilde Gremaud
Als Kind flitzte die Freiburgerin auf den Ski durch die Wälder, heute fliegt sie mit einer faszinierenden Leichtigkeit durch die Lüfte. Als die Freeskierin in Livigno (I) an den Start geht, hat sie bereits Silber aus Pyeongchang 2018 sowie Bronze und Gold aus Peking 2022 im Gepäck. Ihrer Favoritenrolle wird Mathilde Gremaud (26) absolut gerecht. Im Slopestyle verteidigt sie einen Tag nach ihrem Geburtstag ihre Goldmedaille erfolgreich – vor den Augen ihrer Liebsten. «Die ganze Familie ist da und so viele Freunde. Sie haben mir ein Geschenk gemacht, das ich unbedingt zurückgeben wollte. Es ist einfach krank, dass ich das geschafft habe», sagt sie nach ihrem Sieg. Dabei zweifelte sie zuvor wegen eines schweren Trainingssturzes an ihrer Teilnahme.
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Doch die mehrfache Weltmeisterin ist eine Kämpfernatur. Von Verletzungen wie einem Kreuzbandriss oder einer Gehirnerschütterung erholte sie sich stets und kam stärker zurück. Zur grossen Herausforderung wurde jedoch ihre mentale Gesundheit. Nach Erfolgen fällt sie oft in ein Loch. Nach der Saison 23/24 fühlte sie «eine dunkle Leere». In der SRF-Serie «Kehrseite – Abseits des Erfolgs» sagte sie damals: «Im April habe ich wirklich schwierige Wochen erlebt, habe fast nichts mehr unternommen, wollte das Haus kaum mehr verlassen. Ich hatte einfach keine Motivation mehr. Ich hatte gar ein wenig Angst davor, nach draussen zu gehen.» Geholfen habe ihr, darüber zu reden – auch mit professioneller Hilfe. Ein Rücktritt war dennoch nie ein Thema.
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In ihrer Partnerin, der österreichischen Downhill-Weltmeisterin Valentina Höll (24), hat sie jemanden gefunden, der den ständigen Leistungsdruck nachvollziehen kann. Die beiden sind seit drei Jahren ein Paar. Aufgewachsen in La Roche FR, hat Gremaud heute einen zweiten Wohnsitz bei ihrer Freundin in Innsbruck (A). «Wir inspirieren uns gegenseitig», schwärmt die Freeskierin von der Mountainbikerin. Und die beiden unterstützen sich bei ihren Wettkämpfen, wenn sie können. So jubelt Höll auch in Livigno mit Gremaud – und das hoffentlich noch ganz oft in Zukunft.
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Die Überraschung: Tanguy Nef
Nur dank Nefs Leistung in der Team-Kombi darf Franjo von Allmen mit drei Goldmedaillen zurück in die Schweiz reisen: Tanguy Nef (29) holte den deutlichen Rückstand seines Teamkollegen in einem Traumlauf auf. «Hut ab, er hat eine erstaunliche Leistung erbracht», schwärmt von Allmen vom Genfer.Beachtlich: Tanguy Nef hat eine lange Durststrecke hinter sich. In seiner Karriere ist ihm im Weltcup noch nie der Sprung aufs Podest gelungen. Auch kämpfte er vor zweieinhalb Jahren mit den Folgen von Borreliose. «Durch den Konsum von Antibiotika habe ich die Borreliose zwar weggebracht, doch litt ich danach an einem Energiemangel. Dementsprechend war ich für längere Zeit nicht richtig leistungsfähig», sagt er zu «Blick».
Tanguy Nef holte mit seinem Traumlauf Gold.Keystone
Tanguy Nef holte mit seinem Traumlauf Gold.Keystone
Im Skikader galt der 29-Jährige, der im Sommer gerne surfen geht, lange Zeit als Aussenseiter. Denn: Tanguy Nef studierte anfangs noch parallel zur Skikarriere Informatik in den USA. Während sich seine Teamkollegen bereits auf die Saison vorbereiteten, weilte er noch in Übersee und haderte später damit, Anschluss zu finden. Mittlerweile habe er sich aber gut integriert – und ein gemeinsamer Gewinn mit Überflieger von Allmen schweisst bestimmt noch mehr zusammen.
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Der Liebling: Marco Odermatt
Die Erwartungen an ihn waren gross. So gross, dass selbst die Silbermedaillen in der Team-Kombination und im Riesenslalom sowie Bronze im Super-G unterm Strich enttäuschend sind. Denn Marco Odermatt (28) machte nie ein Geheimnis daraus, dass er Olympia-Gold anvisierte. Nach dem Super-G sprach er offen davon, «nicht überglücklich» zu sein. Besonders bitter: Schon bei der legendären Abfahrt in Kitzbühel (A) kurz vor den Olympischen Spielen verpasste er den langersehnten Sieg, landete auf dem zweiten Platz. Bei der Siegerehrung überkommen ihn die Gefühle, Odermatt muss sich nach einem kurzen Jubel die Tränen aus dem Gesicht wischen. Später entschuldigt er sich für diesen ungewohnt emotionalen Moment. «Ich bin in der Lage, meinen Traum zu leben und meine Ziele zu erreichen, und es zeigt mir wieder einmal, was für ein Privileg wir haben, für unsere Träume zu kämpfen und einige davon zu erreichen.» Der Sieg der Abfahrt in Kitzbühel bleibe weiterhin sein ganz grosses Ziel.
Seine grössten Fans: Vater Walter und Mama Priska.Freshfocus
Seine grössten Fans: Vater Walter und Mama Priska.Freshfocus
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Rückhalt bekommt der Ski-Liebling der Nation von Freundin Stella Parpan (28) und seinen Eltern Walter (58) und Priska (57) Odermatt. Schon von klein auf förderten sie Marco, denn nachdem dieser im Alter von zwei Jahren das erste Mal auf den Ski stand, war seine Begeisterung für den Wintersport unaufhaltsam. Jahrelang trainiert ihn sein Vater. Mittlerweile hat Marco Odermatt ein anderes Trainerteam im Rücken, doch seine Eltern begleiten ihn wann immer möglich zu den Rennen – und bewahren die Startnummern und Medaillen stolz daheim auf.