Fabienne Gyr

«Ich mache mir mehr Sorgen als früher»

SRF-Moderatorin Fabienne Gyr spricht nach dem Ende ihres Mutterschaftsurlaubs über die Herausforde­run­gen des Mami-Seins, die Rückkehr zu ihren Sendungen wie «Samschtig-Jass» und die Balance zwischen ­Karriere und Familienzeit.

Aurelia Robles

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Wenn nicht im TV-Studio, ist Fabienne Gyr oft in der Natur. Der Wald auf dem Raten in Oberägeri ZG ist der Moderatorin sehr vertraut, ob zum Pilzle, ­Brötle oder ­Spazieren. Nik Hunger

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GlücksPost: Der Titel der Geschichte vor zwei Jahren lautete «Sie träumt von einer Familie und trauert um ihre Mutter». Wie blicken Sie auf die Zeit zurück?
Fabienne Gyr: Es ist verrückt. Eine eigene Familie war unser Traum. Dass wir heute Ella haben, die so lustig und neugierig ist und uns so viel gibt, ist sehr schön. Deshalb schaue ich sehr versöhnlich zurück, auch wenn es manchmal körperlich und emotional anstrengend war.
In welchen Situationen ­vermissen Sie Ihre Mutter jetzt, da Sie selbst Mami sind?
Manchmal würde ich sie gerne anrufen und fragen, wie es mit diesen ganzen «Baby-­Themen» bei mir und meinem Bruder war. Mein Papi weiss das alles nicht mehr so genau. Ich merke auch, dass ich manchmal wie sie bin. «Mömel», wie wir sie nannten, war eigentlich ein strenges Mami, aber hat uns über alles geliebt. Diesen Ansatz finde ich sehr gut. Es gibt Regeln, aber Liebe ist das, was alles überstrahlt. So möchte ich als Mami auch sein.
Ein Sprichwort besagt: «Es braucht ein Dorf, um ein Kind zu erziehen.»
Im Moment kriegen Mario und ich die ­Betreuung von Ella mit Hilfe der Gross­eltern hin. Was ich aber durchaus sehr ­herausfordernd finde, ist, dass man sich im Alltag mit einem Baby doch sehr allein fühlen kann. Am Wochenende hat man die Freundinnen, den Bruder oder Vater, die da sind. Aber es gibt auch Tage, da stosse ich an meine Grenzen und freue mich ­einfach nur drauf, dass Mario am Abend wieder nach Hause kommt.
Haben Sie das unterschätzt?
Ich spüre eine grosse Bewunderung für meine Mutter und all meine Freundinnen, die Kinder haben und das alles bewältigen. Heute habe ich fast ein schlechtes Gewissen, dass ich dies früher nicht so realisiert habe – und sage ihnen das auch.
Im Wald befindet sich eine kleine Lichtung. Es ist der Platz des örtlichen Waldkindergartens. «Wir waren den ganzen Tag draussen als Kinder, das war für uns selbstverständlich», sagt Fabienne Gyr. Vor kurzem hat auch Ella das erste Mal «Füür mache und brötle» mit ihren Eltern im Wald erlebt. «Uns ist wichtig, dass man bei einigermassen schönem Wetter rausgeht.» Die TV-Frau balanciert über die Baumstrünke. Nach ­ihrem verlängerten Mutterschaftsurlaub – «in dem ich vorwiegend eine Pause vom Schlaf machte» – ist sie seit Anfang Jahr ­wieder zurück am Bildschirm. Für das Schweizer Fernsehen ist sie in einem Teilzeit-­Pensum tätig, moderiert den «Samschtig-Jass», kürzlich die «Luzerner Fasnacht» und vergangenen Sonntag erstmals wieder das «Sportpanorama». Am 29. März führt sie mit Rainer Maria Salzgeber (56) wieder durch die Verleihung der Sports Awards. «Dann werde ich wieder vollkommen im Arbeitsalltag angekommen sein», sagt sie. «Aber ich möchte auch in diesem Jahr ganz viel Familienzeit ­haben.»

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War es einfach, wieder zu arbeiten?
Das erste Mal, wieder «Samschtig-Jass»-Sendungen aufzuzeichnen, war, als wäre ich nie weg gewesen. Ich habe mein Gspänli Jörg Abderhalden und das Team sehr vermisst. Aber das Heimkommen ist heute natürlich umso schöner mit Ella.
Hat sich gefühlsmässig nichts ver­ändert?
Doch! Ich bin wirklich, und das sage ich auch Mario, viel weicher geworden.
Wie äussert sich das?
Ich bin emotionaler, mache mir viel mehr Sorgen als früher, bin vielleicht auch empfindlicher bei gewissen Dingen.
Haben Sie Beispiele?
Bei Entscheidungen beim Arbeiten und im Alltag. Insbesondere wenn es um Ella geht, mache ich mir um alles Sorgen. Das Mami-Sein bringt so viele Entscheidungen mit sich. Ich will ihren Brei jeweils selbst zubereiten, habe aber dann am Abend ein totales Chaos und denke mir: Ich könnte auch mal einen Fertigbrei im Gläsli ­kaufen.
Sie stressen sich selbst?
Vermutlich. Ich gehe dann eine Stunde ins Training, powere mich aus und sage mir: «Komm, du machst den Brei selber, wenn du Zeit hast, im Notfall nimmst du ein Gläsli mit. Aber entspann dich!»
Vereinzelte Sonnenstrahlen dringen durch das Dickicht des Waldes. Im Sommer wartet ein beruflicher Höhepunkt auf Fabienne Gyr. «Ich darf das prestigeträchtige Kilchberger Schwinget für SRF moderieren», erzählt sie, die regelmässig an Schwing­festen arbeitet. «Es freut mich sehr, dass SRF gefragt hat, ob ich das mache. Es macht mich stolz, zudem bekomme ich mit Christian Schuler Innerschweizer Verstärkung.»

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Als Ausgleich geht die Moderatorin oft in den Wald, auch der See ist bei Familie Gyr im Sommer beliebt.
Nik Hunger
Als Ausgleich geht die Moderatorin oft in den Wald, auch der See ist bei Familie Gyr im Sommer beliebt.
Nik Hunger
Sport und die Natur sind für Fabienne Gyr auch privat seit jeher ein wichtiger Ausgleich. Ihr Mann tickt da als ehemaliger Spitzensportler und Ruder-Olympiasieger 2016 im Leicht­gewichts-Vierer gleich. Als Familie ging es schon auf den Wildspitz, den höchsten Gipfel in Zug, mit Ella in der Trage – und auch kurz an die Olympischen Winterspiele in Mailand an ein Eishockey-Spiel. Schliesslich haben sie sich 2012 an den Olympischen Sommerspielen in London kennengelernt – er war als Athlet vor Ort, sie als Reporterin. Heute ist Mario Gyr im Exekutivrat von Swiss Olympics.
Wie haben Sie sich als Eltern einge­pendelt?
Wir sehen in der Erziehung vieles ähnlich. Mario arbeitet viel, aber sobald er über die Türschwelle kommt, kümmern wir uns mindestens gleich oft um unsere Tochter. Wir brauchen jetzt einen Familienkalender. Und Mario hat fix einen Tag mit Ella allein. Dann kann ich arbeiten und Dinge erledigen, die ich ohne Kind machen muss. Es macht mich stolz, wie gut Mario als Papi ist und auch wie gerne er die ­Rolle ausfüllt.

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Was hat sich als Paar verändert?
Dass man genügend Zeit zu zweit hat, ist auch nach zehn Monaten noch herausfordernd. Wir waren zuvor beide sehr spontan unterwegs, sahen uns auch mal fünf Tage nicht, weil wir beide viel zu tun hatten. Nun schauen wir, wer wie da ist und wie wir planen können. Aber unsere Zeit zu dritt geniessen wir sehr.
Wer kann Ella besser ins Bett bringen?
Das können wir beide, aber in der Nacht kuschelt sie sich immer an ihren Papi. Seine ruhige Art, seine tiefe Stimme – er ist der ruhende und ich eher der aktive Pol mit Musik, Tanzen und Blödsinn machen (lacht).

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