Die Schweizer Bob-Legende Erich Schärer hat nicht nur im Eiskanal Spuren hinterlassen, sondern auch im privaten Leben. Der Olympiasieger und seine Ehefrau Francesca bilden seit 40 Jahren ein harmonisches Zweier-Team.
Thomas Wälti
Ein Sportbuch hält Erich und Francesca Schärers Erinnerungen an goldene Zeiten lebendig. Philippe Rossier
Unser Spaziergang führt durch den Erich-Schärer-Weg hoch über dem Zürichsee. «Ich bin stolz, wurde mir eine solche Ehre bereits zu Lebzeiten zuteil», sagt der 79-jährige Bob-Fahrer aus Herrliberg ZH zum GlücksPost-Redaktor und dem Fotografen. Der Olympiasieger von 1980 in Lake Placid (USA) und siebenfache Weltmeister erzählt, dass er auf diesem Weg hin und wieder Alt-Bundesrat Christoph Blocher (85) begegne. Dieser wohne weiter unten. Dann setzt er ein schelmisches Lächeln auf: «Er arbeitet noch daran, dass die Gemeinde eine Strasse nach ihm benennt.» Am Weg auf der Anhöhe stehen das Klubhaus des Bob-Clubs Zürichsee und die legendäre Anschiebbahn, wo die Karriere des Bauernsohns Erich Schärer begonnen hat.
In der Wohnung übernimmt seine Frau Francesca (65) das Zepter. Die gebürtige Tessinerin aus Locarno serviert Kaffee. Seit 40 Jahren ist sie mit Erich Schärer verheiratet. Gibt es ein Geheimnis für die lang anhaltende Verbundenheit? «Leben und leben lassen», antwortet die gelernte Arztgehilfin. Und Erich Schärer sagt: «Wir geben uns Freiräume. Wenn Francesca Lust hat, geht sie in die Stadt, und ich habe meinen Sport.»
Philippe Rossier
Philippe Rossier
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Kennengelernt hat sie ihren künftigen Ehepartner 1980 in einer Praxis in St. Moritz GR. «Erich kippte während eines Trainingslaufs aus dem Bob und verletzte sich am Oberschenkel. Mein Chef war ein grosser Fan von ihm und hat ihn erfolgreich behandelt», erzählt Francesca Schärer. Gefunkt habe es aber nicht auf Anhieb. «Erich versprach mir, dass er mich nach den Olympischen Spielen in Lake Placid zum Heliskiing auf den Corvatsch einladen würde. Das tat er dann auch.» Sie schmunzelt: «Aber erst sah ich ihn anlässlich einer Titelstory in einer Badewanne voller Schaum. Er wurde in Lake Placid ja Olympiasieger!» Der Rest ist Geschichte. Gemeinsam haben Francesca und Erich Schärer zwei Söhne grossgezogen: Marco (37) und Andrea Luca (35). Grosskind Matteo (3) bereichert das Familienleben.
Alle Medaillen sind im Museum
Francesca und Erich Schärer haben einen gemeinsamen Traum: «Wir träumen von einer Weltreise und möchten dabei Thailand, Vietnam und Kambodscha näher kennenlernen», sagt die Gastgeberin. Am 1. September wird Erich Schärer 80 Jahre alt. Was macht dieses Alter mit ihm? «Es ist nicht so einfach. Du sitzt am Stammtisch und denkst: Der ist auch nicht mehr der Jüngste – dabei ist er 20 Jahre jünger als du», sinniert die Bob-Legende.
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Auf die Frage, ob er zuweilen auch an die Endlichkeit denke, antwortet er: «Wenn ich mal gehe, will ich nicht, dass meine Liebsten aufräumen müssen. Deshalb habe ich alle Medaillen dem Cresta & Bob Museum St. Moritz übergeben. Die Erinnerung lebt in Büchern weiter. Aber noch bin ich ja erst 60.» Da blitzt er wieder auf, sein unverkennbarer Schalk. Und Francesca Schärer wirft ein: «Du beherzigst jeden Tag dein Lebensmotto: ‹Heute ist mein schönster Tag!›»
Die Gold-Fahrt von Lake Placid ist immer noch präsent. «Ich erinnere mich an jeden Zentimeter dieser Bahn. Manchmal liege ich nachts im Bett und fahre die Strecke gedanklich ab», erzählt Erich Schärer. «Der Bobsport war mein ganzes Leben. Der Olympiasieg im Zweier mit Bremser Sepp Benz hat mir viele Türen geöffnet.» Heute engagiert er sich für den Verband Swiss Sliding als Botschafter des Schweizer Bobsports. In dieser Funktion verfolgte er mit Francesca soeben die olympischen Bobwettkämpfe in Cortina (I) vor Ort. Und Erich Schärer spielt leidenschaftlich Golf. In der Goldküstengemeinde Herrliberg möchte er in naher Zukunft als Initiant einer Golfübungsanlage ein weiteres Herzensprojekt realisieren.
Polizeikontrolle ohne Folgen
Erich Schärer hat nicht nur im Eiskanal Spuren hinterlassen. Der ehrgeizige Bob-Pilot sorgte auch neben der Bahn für zahlreiche Anekdoten. Als Tiefpunkt seiner Karriere bezeichnet er jenen Moment, der sich 1976, zwei Tage vor dem olympischen Viererbob-Wettkampf, ereignete: «Ich musste meinen Bruder Peter, der Probleme mit der Achillessehne hatte, auf der Anschieber-Position ersetzen. Wenn du gewinnen willst, musst du auch unpopuläre Entscheidungen treffen. Peter hat mir zwar vergeben, ganz vergessen ist der Zwischenfall aber nicht.»
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Philippe Rossier
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Lebhaft in Erinnerung bleibt Erich Schärer auch eine Fahrt mit dem Auto über den Hirzel. Er war nicht angegurtet und wurde prompt von der Polizei angehalten. «Als ich das Fenster runterliess, erkannte mich der Polizist. Er sagte anständig: ‹Aha, jetzt ist klar. Im Bob schnallen sie sich ja auch nicht an!› Ich erwiderte: Ja, das ist richtig so. Ich durfte weiterfahren.» Natürlich angegurtet.
Francesca und Erich Schärer verabschieden sich schliesslich. Sie haben noch etwas vor. «Wir gehen zur Kino-Weltpremiere des Schweizer Musicals ‹Ewigi Liebi›. Der Film passt doch wunderbar zu uns», sagt Francesca Schärer. Erich Schärer nickt und lächelt zufrieden.