Es gab Zeiten, da hat ihre Präsenz manche Gemüter erhitzt: diese wilde Frisur! Diese bunten Kleider! Und mit Techno vermischter Jodel! Als die Bernerin Christine Lauterburg diesen Gesang für sich entdeckte und auf eigene Art interpretierte, kam sie der traditionellen Volksmusikszene ins Gehege. Und heute?
Heute sitzt die kürzlich 70 Jahre alt gewordene Sängerin in ihrer Wohnung im Berner Wyler-Quartier: Die Haare sind immer noch ungezähmt, das Kleid − eine Mischung aus Tracht und Gothic − ist so gewagt wie früher, und auch musikalisch ist sie umtriebig wie eh und je geblieben. Doch die Wogen haben sich geglättet: Inzwischen sind viele Musikerinnen und Musiker ihren Spuren zu einer moderneren Interpretation der Volksmusik gefolgt.
Christine Lauterburg spielt schon seit 25 Jahren in der Formation Doppelbock, sie ist Teil des Gesangstrios Die rote Zora und singt besonders gern solo: «Das ist unkompliziert, benötigt keine Technik und ist für mich natürlich lukrativer, als wenn ich mit einer Formation unterwegs bin.» Sie singt tanzbare, modern vorgetragene Jodellieder, uralte Jutze ohne Text und ab und zu etwas Traditionelles wie ihr «Vreneli vom Guggisberg». Dabei begleitet sie sich selber, mal mit der Geige, mal mit der Bratsche und mal mit ihrem Langnauerörgeli. Ab Herbst tourt sie zudem als Spezialgast von «Zwöierlei», die auf ihrer «Troubadours Tour» Mani-Matter-Lieder darbieten.
Mutter und Tochter werden 100
Wenn Christine Lauterburg von all ihren Formationen erzählt, von ihren Liedtexten, an denen sie lange feilt, damit sie kurz und knackig wie Gedichte werden, von ihren farbenfrohen Bildern, die sie gern malt, dann erübrigt sich die Frage, ob sie jetzt, mit 70, nicht das Bedürfnis hat, kürzerzutreten. «Ich habe keine Angst vor dem Alter», sagt sie. Zwar habe es ihr kurz zu denken gegeben, als ihre Tochter Piroska (ausgesprochen Píroschka), die dieses Jahr 30 wird, unlängst verkündete, sie könnten nun gemeinsam ihren 100. Geburtstag feiern. Doch sie wolle weder die Zeit anhalten noch jünger aussehen: «Ich war einmal jung, jetzt bin ich halt alt», sagt sie dazu.
Dass sich ihre Wohnung im vierten Stock ohne Lift befindet, macht ihr keine Sorgen, da sie sich als sehr robust einschätzt. Sie ist dankbar, dass es ihr gut geht und sie nach wie vor musizieren kann, sonst wäre das Befinden wohl ein anderes. Dennoch verdrängt sie ihre eigene Endlichkeit nicht. «Ich weiss, dass mir theoretisch jederzeit etwas passieren kann – vor allem, weil ich schon so viele Unfälle überlebt habe.» Alles Wichtige habe sie daher bereits schriftlich geregelt. Ihre Tochter wisse Bescheid, sodass man nicht mehr darüber zu reden brauche.
Beim tragischsten Unfall war sie 40 Jahre alt und im neunten Monat schwanger. Mit ihrem damaligen Partner, dem Ungar Zsolt Marffy (74), krachte sie in einen Lastwagen. Das Auto überschlug sich, und wie durch ein Wunder blieben Christine Lauterburg und ihre ungeborene Tochter unversehrt. Marffy dagegen wurde schwer verletzt. Sie seien damals eigentlich kein Paar mehr gewesen, hätten aber der Tochter wegen noch geheiratet. Später folgte die Trennung. «Heute pflegen wir ein gutes Verhältnis und sehen einander oft.»
Jodeln statt klassischer Gesang
Eigentlich wollte sie schon als Kind Sängerin werden. Zuerst absolvierte sie aber das Lehrerseminar und anschliessend die Schauspielschule. Sie spielte am Theater und in mehreren Filmen des Bieler Regisseurs Clemens Klopfenstein (81). «Der Ruf der Sybilla» ist bis heute ihr Lieblingsfilm; darin gab sie ihr Jodeldebüt. Auf das Jodeln stiess sie zufällig, weil klassischer Gesang für sie nicht in Frage kam. Sie belegte einen Kurs in der Migros-Klubschule, das sei toll gewesen und günstig obendrein. «Als mich meine Lehrerin an ein Jodlerfest schickte, dachte mein städtisches linkes Umfeld, ich hätte komplett den Verstand verloren.» Mit ihrer Interpretation von Volksmusik ist sie seither in vielen Teilen der Welt aufgetreten: in China, Afrika oder am Äquator. «Es erfüllt mich mit Stolz, dass ich immer von meiner Musik leben konnte», bilanziert Christine Lauterburg.
Mittlerweile locken sie weite Reisen nicht mehr. Viel lieber erkundet sie die Schweiz: «Ich bin regelrecht wanderwütig.» Mit ihrem 1.-Klasse-GA reist sie an freien Tagen durchs Land und sucht möglichst einsame Pfade. Wie zum Beispiel jenen durch die Wolfsschlucht im Solothurner Jura.
«Wir lassen uns Freiraum»
Sie mag es aber auch gesellig: Mit Tochter Piroska, die in Schwarzenburg BE lebt, pflegt sie ein enges Verhältnis. Und eine wichtige Rolle in Lauterburgs Leben nimmt seit 15 Jahren ihr Partner Ueli Egger (54) ein. Er ist als spezialisierter Service-Monteur oft und lange in der ganzen Welt unterwegs. Das Paar lernte sich an einem Konzert von Lauterburg kennen. «Wir haben eine Liebesfreundschaft. Als Einzelgänger lassen wir uns unseren Freiraum», sagt sie. Zusammenwohnen sei deshalb nie ein Thema gewesen. Männer aus früheren Beziehungen hätten ihr manchmal vorgeworfen, im Mittelpunkt stehen zu wollen. Ueli Egger dagegen könne gut mit ihrem Leben als Künstlerin umgehen. Christine Lauterburg hat eine musikalische Idee im Kopf, die sie unbedingt noch verwirklichen will – Näheres will sie nicht verraten, «nicht dass sie mir noch jemand klaut». Auch zu sehen ist sie vielleicht bald wieder einmal, denn eigentlich schauspielert sie immer noch gern. Bloss seien Engagements oft nicht mit ihren lange im Voraus geplanten Auftritten vereinbar – «und zudem schlecht bezahlt», fügt sie lachend an.
Einen ihrer Pläne realisiert sie schon kommenden Herbst: Mit Piroska will sie zu ihrem «gemeinsamen 100. Geburtstag» zwei Wochen lang verreisen. «Es geht in den Norden, und dabei wird nicht geflogen», verrät sie.