Statt seinen 80. Geburtstag zu feiern, lädt der Autor und frühere Fernsehmann Charles Lewinsky lieber zur Buchpremiere. Schon hat er weitere Ideen. Kraft und Konzentration findet er in seinem Haus in Frankreich.
Charles Lewinsky wendet einen Trick an: «Die Journalistinnen und Journalisten wollen mich an jedem runden Geburtstag treffen. Wenn ich aber ein neues Buch veröffentliche, ist das Interesse viel geringer.» Darum feiert der Autor am 14. April nicht nur seinen 80. Geburtstag, sondern auch gleich die Premiere seines Romans «Eine andere Geschichte».
Darin knüpft er an eine Geschichte aus seiner Familie an: 1936 lebten seine jüdischen Grosseltern in Deutschland. Eines Tages sei ein entfernter Verwandter namens Curtis Melnitz bei ihnen aufgekreuzt. Er habe sich als «wichtiger Mann in Hollywood» vorgestellt und die Grosseltern aufgefordert, wegen der gefährlichen politischen Situation das Land zu verlassen. Diese Geschichte beschäftigt Charles Lewinsky sein Leben lang – und im neuen Roman erzählt er die fiktive Lebensgeschichte des Mannes.
Viele Hits geschrieben
Den grössten Erfolg feierte Lewinsky bislang mit der Familiensaga «Melnitz», für die er internationale Buchpreise gewann. Obwohl er schon als Bub Bücher schreiben wollte, wurde er erst auf Umwegen Schriftsteller. Seine Karriere startete er beim Theater, seiner «grossen Liebe». An diversen Häusern in der Schweiz und in Deutschland arbeitete er sich vom «Mädchen für alles» zum Regisseur hoch. «Doch ich merkte, dass aus mir nie ein besonders guter Regisseur werden wird», sagt er. 1975 wechselte er zum Schweizer Fernsehen, wo er in der Abteilung «Theater und Unterhaltung» Fernsehspiele machen wollte.
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«Am ersten Arbeitstag wurde mir beschieden, das seien ab sofort zwei verschiedene Abteilungen, und meine Planstelle sei bei der Unterhaltung», erinnert sich Lewinsky. Darüber war er zwar nicht erfreut, dennoch trat er die Stelle an: Denn seine Frau Ruth (82), die er 1965 an einem Ball in Zürich kennengelernt hatte, war mit Tochter Tamar schwanger. Und um die Stelle anzutreten, waren sie gerade aus Deutschland, wo Sohn Micha 1972 zur Welt gekommen war, nach Zürich zurückgezogen.
Obwohl Lewinskys Herz nicht für die Unterhaltungsbranche schlug, war er ungemein erfolgreich darin. «Auch ein Vegetarier kann ein guter Metzger sein», sagt er dazu. Erst bei SRF, später als freiberuflicher Autor schrieb er über 1000 TV-Sendungen, TV-Serien wie «Florida Lady» oder Episoden für «Das Traumschiff». Musicals wie «Oh läck du mir!» oder «Gotthelf» stammen aus seiner Feder – und immer wieder Theaterstücke. Seine neueste Komödie «Omatrick» wird im Herbst auch in Zürich gespielt.
Die erste Schweizer Sitcom: «Fascht e Familie» mit Walter Andreas Müller, Trudi Roth, Hanna Scheuring und Martin Schenkel (von links) war ein Erfolg.SRF
Die erste Schweizer Sitcom: «Fascht e Familie» mit Walter Andreas Müller, Trudi Roth, Hanna Scheuring und Martin Schenkel (von links) war ein Erfolg.SRF
Ein Gassenhauer wurde in den 1990er-Jahren «Fascht e Familie». Für die erste Sitcom von SRF musste Lewinsky lange kämpfen. «Das Format reizte mich, weil es dem Theater nahekommt.» Die 100 Folgen erreichten Traum-Quoten, was ihn mit Stolz erfüllt.
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«Ein langweiliges Leben»
Noch einen Monat weilt Charles Lewinsky in Zürich, dann muss er los: Mit unzähligen leeren Einmachgläsern fährt er ins französische Dorf Vereux, wo er seit Jahren sein zweites Zuhause hat. «In Frankreich kann ich ungestört arbeiten», sagt er. Zum Ausgleich zieht er eigenes Gemüse. Im Herbst kehrt er dann mit vollen Gläsern wieder heim. «Könnte ich das Haus an den Thunersee verpflanzen, würde ich das sofort tun, aber das kann ich mir nicht leisten», sagt er. Die vierstündige Autofahrt sei jedes Mal anstrengend. Seine Frau, eine gelernte Grafikerin, besuche ihn dort auch nicht oft, denn ein schreibender Mann sei keine gute Gesellschaft.
Ob in Frankreich oder in der Schweiz: «Ich führe äusserlich ein langweiliges Leben», meint er. Sein tägliches Schreibpensum von rund anderthalb Seiten absolviert er fast schon nach Bürozeiten. Aber: «Das Schreiben macht mir unheimlich Spass.» Der einstige TV-Profi schaut heute kaum mehr Fernsehen. «Früher musste ich alle Serien, Sänger oder Komiker kennen. Das alles interessiert mich nicht mehr.»
Er macht keine Notizen
Dass er 80 Jahre alt wird, beschäftigt Charles Lewinsky wenig. «Ich fühle mich nicht unendlich alt.» Dass sein Körper nicht mehr der gleiche sei wie mit 20, sorge ihn nicht, das sei normal. Angst bereite ihm einzig die Vorstellung, zu merken, wie der Verstand schwinde: «Ich habe das bei meiner Mutter miterlebt. Ein Jahr lang hat sie nur noch geweint deswegen.» Er selbst ist weit davon entfernt und trainiert seinen Kopf auf verschiedenste Art: So notiere er weder Rechercheergebnisse noch Ideen für weitere Geschichten. Wichtig sei das, was im Kopf bleibe.
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Fit halten ihn auch seine drei Enkel: Tochter Tamar Lewinsky arbeitet als Kuratorin am jüdischen Museum in Berlin und ist Mutter von Ilay (9). Sohn Micha ist Filmemacher («Der Freund», «Die Standesbeamtin») und seit neuestem auch Buchautor sowie Vater von Mila (16) und Yonathan (13).
«Ich mache weiter, das hält mich jung», lautet Charles Lewinskys Rezept. Er würde gern noch ein Theaterstück schreiben, sagt er, weitere Bücher sowieso. Die nächste Idee hat er schon in seinem Kopf. Auch seinen 90. Geburtstag, das hat er sich fest vorgenommen, will er wieder mit einer Buchpremiere feiern. «Und warum nicht auch den hundertsten?», sagt er und lacht.