Camille Rast

Vom Zauberteppich in die Ski-Elite

Camille Rast ist ­zuoberst auf dem Siegerpodest angekommen. Die Slalom-Weltmeisterin hat Ski-­Geschichte geschrieben und von ihrer grössten Rivalin den Ritterschlag ­erhalten.

Thomas Wälti

Audi FIS Alpine Ski World Cup - Women's Slalom in Kranjska Gora 2026
In der Form ihres Lebens: Camille Rast gewinnt Anfang Januar innert 24 Stunden zwei Weltcuprennen. Dukas

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Camille Rast (26) überquert als letzte Fahrerin die rote Ziellinie im Skistadion von Kranjska Gora (SLO). Die Anzeigetafel leuchtet grün auf – Bestzeit! Die Schweizerin reisst die Arme in die Höhe, schreit ihre Freude ­heraus und blickt zu ihren ­Eltern, die auf der Tribüne sitzen. Wow! 24 Stunden nach ihrem Triumph im Riesenslalom hat die amtierende Slalom-Weltmeisterin in ihrer Paradedisziplin nachgedoppelt. Es ist ihr vierter Sieg in einem Weltcuprennen.

Ski fahren im Wohnzimmer

Hat Camille Rast als Kind davon geträumt, dereinst in die Ski-Elite aufzusteigen? «Nein, als kleines Mädchen habe ich mir meine Skikarriere nicht richtig vorstellen können. Ich wuchs polysportiv auf und probierte nebst dem Skifahren ­viele andere Sachen aus», sagt die Head-Pilotin. So ging sie drei Jahre in die Zirkus­schule, betrieb Leichtathletik, Schwimmen und Fussball, lernte Reiten und bestritt ­einige Rennen der Enduro-Mountainbike-World-Series.
Das Skifahren hat Camille Rast jedoch nie mehr losgelassen. Auf ihrer Website erzählt sie eine herzige Anekdote, die sich im März 2000 in einem Kinderschneeland, also dort, wo die Kleinsten ihre ersten Fahrversuche machen und mit dem Zauberteppich wieder nach oben fahren, ereignet hat. Sinngemäss sagt sie: «Ich verliess meinen Bob und rannte zu den ersten Paar Ski, die ich finden konnte. Ich sagte meinen Eltern klipp und klar: ‹Ich will Ski fahren!›» Ein paar Stunden später, nachdem sie ihre ersten Schwünge gemacht hatte, hätte sie ihre gemieteten Ski nicht mehr hergeben wollen. «Nach dem Mittagsschlaf stieg ich sofort wieder auf die Ski. So fuhr ich eine Woche lang jeweils am Nachmittag noch auf dem Teppich im Wohnzimmer Ski! Heute liebe ich es immer noch, Ski zu fahren, und ich habe das Glück, dass ich das Wohnzimmer durch schöne Berge ersetzen kann.»

Sie schreibt Ski-Geschichte

Camille Rast ist die erst sechste Schweizerin, die auf höchster Stufe in beiden technischen Disziplinen ein Rennen gewonnen hat. «Camille Rast ist eine coole Socke!», entfährt es Sonja Nef (53) zu Hause vor dem Fernseher (siehe Inter­view). Die Appenzeller Skilegende war die letzte ­Athletin vor Rast, die das ­gleiche Kunststück vollbracht hat – vor 25 Jahren.
In Kranjska Gora durchlebte Camille Rast ein Wechselbad der Gefühle. Sie fuhr wie alle Schweizerinnen mit Trauerflor am Arm. Nach den beiden ­Siegen gedachte sie der Opfer der Brandkatastrophe in Crans-Montana und deren Ange­hörigen. Noch im Zielraum formte die Unterwalliserin, die in Vétroz VS nahe der Unglücksstelle als Einzelkind aufgewachsen ist, mit ihren Handschuhen ein Herz. Im ­Interview mit SRF sagte sie: «Es war nicht einfach. Der Sport bringt so viele Emotionen. Ich hoffe, dass ich diesen Familien zumindest ein kleines Lachen bescheren konnte.»
Camille Rast befindet sich in der Form ihres Lebens. Von Weltcup-Favoritin ­Mikaela Shiffrin (30, USA) erhält sie in Slowenien den Ritterschlag. «Es ist unglaublich, was ­Camille momentan abliefert!», lobt die Gewinnerin von 106 Weltcuprennen ihre Schweizer Konkurrentin. Camille Rast, die grosse Kämpferin mit bemerkenswertem Durchhaltewillen, ist zurück. Sie liess sich von Rückschlägen in der Vergangenheit – Pfeiffersches Drüsenfieber, Depression, Kreuz- und Innenbandriss im rechten Knie sowie Hüftprobleme nach einem Sturz Mitte Februar 2025 – nicht unter­kriegen.

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Bald reist Camille Rast ­mitten in die Dolomiten nach Cortina d’Ampezzo (I), wo die Olympischen Winterspiele stattfinden. Trotz ihrer Erfolge verspürt sie keinen Druck. «Die Olympiarennen sind in meinem Weltcup-Kalender einfach weitere Wettkämpfe. Wenn es passt, ist es super, wenn nicht, ist es nicht so schlimm. Meine Saison ist mit so vielen Podestplätzen und dem Doppelsieg schon jetzt grossartig verlaufen.»

«Camille Rast ist eine coole Socke!»

Die Kristallkugeln erinnern an Sonja Nefs Gewinn der Riesenslalom-Disziplinenwertung 2001 und 2002.
Die Kristallkugeln erinnern an Sonja Nefs Gewinn der Riesenslalom-Disziplinenwertung 2001 und 2002.URS BUCHER
Die Kristallkugeln erinnern an Sonja Nefs Gewinn der Riesenslalom-Disziplinenwertung 2001 und 2002.
Die Kristallkugeln erinnern an Sonja Nefs Gewinn der Riesenslalom-Disziplinenwertung 2001 und 2002.URS BUCHER
Die Schweizer Skilegende zieht den Hut vor Camille Rast. Sonja Nef (53) würdigt den geschichtsträch­tigen Doppelsieg der Unterwalliserin.
GlücksPost: Sie waren bis zu Rasts ­Doppelsieg in Slowenien die letzte Schweizerin, die einen Riesenslalom und Slalom im Weltcup gewinnen konnte. Nun haben Sie eine Nachfolgerin gefunden. Freuen Sie sich mit Camille Rast oder hätten Sie diesen Triumph noch gerne ein wenig für sich behalten?
Sonja Nef: Ich finde es grossartig, was Camille Rast in Kranjska Gora geschafft hat! Ich habe vor dem Fernseher mitgefiebert. Für mich ist es ein Déjà-vu-Erlebnis. Beim Weltcupfinale 2001 in der schwedischen Skistation Åre gewann ich ebenfalls innert 24 Stunden zwei Rennen in unterschiedlichen technischen ­Disziplinen. Das ist eine grosse Herausforderung in Bezug auf das Energielevel. Aber Camille Rast befindet sich im Flow und strotzt vor Selbstvertrauen.
Was gefällt Ihnen an Camille Rast?
Mich beeindruckt ihre Einstellung. Sie lässt sich von Über­fliegerin Mikaela Shiffrin (30, USA, die Red.), die vorher alle ­Slaloms in dieser Saison mit mehr als einer Sekunde Vorsprung gewonnen hatte, nicht unterkriegen. Ende November, nach Platz 3 im Slalom von Gurgl in Österreich, sagte Camille Rast im Brustton der Überzeugung, dass Mikaela Shiffrin schlagbar sei. Jetzt sehen wir, was passiert ist.
Was macht die Walliserin zur Siegfahrerin?
Sie war schon früher eine Siegfahrerin und mit viel Talent ­gesegnet, denken Sie nur an die Junioren-WM 2017, wo sie die Goldmedaille im Slalom gewann. Dann musste sie aber einige Rückschläge einstecken. Mit grossem Willen hat sie sich stets zurückgekämpft. Camille Rast ist eine coole Socke! Sie hat den Killerinstinkt. Das kann man nicht lernen. Sie trainiert viel, hat sich ein sehr gutes Umfeld aufgebaut, und das Material passt.
Camille Rast lässt uns im Hinblick auf die Olympischen Winter­spiele 2026 träumen. Was trauen Sie ihr in Cortina d’Ampezzo (I) zu?
Ich traue Camille Rast alles zu. Sie kann im Riesens­lalom und Slalom Olympiasiegerin werden – aber auch ohne Medaille nach Hause reisen. Ich bin überzeugt, dass sie nicht an das denken wird, was sein könnte, und sich deswegen verkrampft. Nein, sie wird den Fokus so ausrichten, dass sie im entscheidenden Moment ihr bestes Ski­fahren abrufen kann.

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