Anna Rossinelli singt davon, wie sie ihre grosse Liebe in der italienischen Hauptstadt kennenlernte. Die Sängerin spricht über die Herausforderungen einer binationalen Beziehung und wie sie italienische Kultur in ihr Familienleben integriert.
Aurelia Robles
Könnte sich vorstellen, in Rom zu leben: Sängerin Anna Rossinelli. PAUL_SEEWER
Sängerin Anna Rossinelli verbindet mit unserem südlichen Nachbarland mehr als bloss ihr italienisch klingender Name. Die 38-jährige Baslerin lernte in Rom ihren Lebenspartner Francesco Caciotta kennen. Auf ihrem neuen Album «Heat» singt sie nun vom Kennenlernen ihrer grossen Liebe im Lied «When Time Is Right»: «Ich hatte nie vor, mich so weit weg von zu Hause zu verlieben», lautet die erste Zeile.
Doch genau das ist vor zehn Jahren geschehen. Mit ihrem besten Freund Marlon, den sie seit Teenagerzeit kennt, plante die damalige Single-Frau einen Städtetrip. «Ich war schon oft in Italien gewesen, aber noch nie in Rom. Deshalb wollten wir dorthin», erinnert sich Anna Rossinelli. «Aber nicht, um zu flirten, sondern für das tolle Essen und schöne Besichtigungen.» Wie die meisten Touristen besuchten die besten Freunde Roms Sehenswürdigkeiten wie das Kolosseum und kamen am Abend an einem Ort vorbei, an dem die Leute draussen Campari Spritz tranken. «Irgendwann näherten wir uns einem anderen Grüppli an. So kamen mein heutiger Freund und ich erstmals ins Gespräch – auf Englisch.»
«Wir haben uns ein Leben aufgebaut und etwas Neues begonnen» singt Anna Rossinelli im Lied weiter. Mittlerweile sind der Architekt und die Künstlerin Eltern einer zweieinhalbjährigen Tochter, die mehrsprachig aufwächst. «Englisch ist weiterhin unsere gemeinsame Sprache», erzählt Rossinelli. Ihr Partner redet mit der Kleinen Italienisch, sie «Baseldytsch». Das eigene Kind in einer anderen Sprache reden zu hören, sei «sehr herzig», findet sie. Nicht zuletzt versteht auch die Musikerin dadurch besser «Alltagsitalienisch». «Ich lerne zudem ein bisschen mit der Sprachlern-App Duolingo. Aber gerade habe ich wieder etwas abgehängt und will abends lieber abschalten und mich von anderem berieseln lassen.»
Album, Film und Tour
Im Alltag von Anna Rossinelli ist zwischen Berufs- und Familienleben einiges los. Vor kurzem ist ihr siebtes Album (alle landeten in den Top 10 der Schweizer Hitparade) erschienen. Im Februar geht die Band, die seit 17 Jahren aus der Sängerin, Bassist Gregor Dillier (43) und Gitarrist Manuel Meisel (42) besteht, auf Tour. Zudem erschien vor kurzem der SRF-Dokfilm «Anna Rossinelli – Die Musikerin hinter den Schlagzeilen» über sie, die mit ihrer Teilnahme am Eurovision Song Contest 2011 ihren Durchbruch hatte.
«Wir Frauen haben im Familienalltag schon mehr Verantwortungsaufgaben als Männer, das sehe ich auch in meinem Umfeld», glaubt Anna Rossinelli. «Ich denke daran, die Kleidergrösse der Tochter zu wechseln, Ersatzkleider in die Kita zu bringen, an Arzttermine oder wie heute ans Vorkochen, wenn ich knapp zum Abendessen nach Hause komme.» Sie gesteht: «Ich merke, dass ich dadurch auch vergesslicher werde.» Deshalb geht nichts ohne physische Agenda. «Wenn ich etwas erledigt habe und dann dies von Hand durchstreichen kann, gibt mir das ein gutes Gefühl.»
Heimat, Pasta und Gefühle
«Wir werden die Chance ergreifen und alles riskieren, um einen Ort zu finden, den wir unser Zuhause nennen können» lautet eine weitere Songzeile aus «When Time Is Right». Ihr Partner hat für Anna und die gemeinsame Familie seine Heimatstadt verlassen. «Aber es steht immer wieder zur Diskussion, in Rom zu leben. Ich könnte wohl auch pendeln», sagt sie. Der Arbeitsmarkt in Rom sei jedoch schwierig. Deshalb verbringen sie als Familie lediglich ihre Ferien in der Ewigen Stadt. Die antiken Ruinen des Römischen Reiches oder der Trevibrunnen sind Touristenmagnete, Rom ein optischer Kontrast zu den schicken Städten Italiens wie Mailand. «Ich bewege mich in Rom abseits der Sehenswürdigkeiten, eher am Stadtrand. Denn durch Francesco, der dort aufgewachsen ist, habe ich Rom ganz anders kennengelernt», sagt sie. «Ich liebe es, da zu sein. Rom ist wirklich eine ganz aussergewöhnliche Stadt, die längst zur zweiten Heimat geworden ist.»
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Am Tag, als dieses Bild vor dem Kolosseum entstand, traf Anna erstmals ihren heutigen Partner.zvg
Am Tag, als dieses Bild vor dem Kolosseum entstand, traf Anna erstmals ihren heutigen Partner.zvg
Das Paar spürt in ihrer binationalen Beziehung natürlich auch kulturelle Unterschiede, selbst wenn Anna Rossinelli ebenfalls mit sehr viel Emotionen grossgeworden ist. «Ich komme aus einer Familie, in der man auch mal laut sein konnte und einander sagen kann, wenn einen etwas nervt», sagt sie. «Doch die Römer reden über Essen, dass ich denke, sie streiten. Oft habe ich das Gefühl, dass es um viel mehr geht.»
Während der Festtage war Rossinelli zuletzt in Rom. Bei ihrer Schwiegerfamilie spürt sie jeweils noch viel intensiver, wie wichtig «la famiglia» ist. «Ich glaube, bei ihnen bleibt man für immer Kind, egal, ob man längst erwachsen ist.» Italiener seien auch sehr beschützend, was die Familie angeht. «Es herrscht sofort ‹Attenzione›, wenn das Kind mal unbeaufsichtigt wegläuft», sagt sie. «Ich hingegen bin mit viel mehr Urvertrauen aufgewachsen, vielleicht auch deswegen, weil mein Vater früh starb und ich lernen musste, ohne ihn zurechtzukommen», erklärt sie. Aber genau wie ihre Tochter, sei auch sie sofort von ihrer Schwiegermama liebevoll an die Hand genommen worden.
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«Komm mit, wenn die Zeit reif ist» – ihr erster Besuch im alten Rom hat Anna Rossinelli drei neue Lieben geschenkt: ihren Partner, eine zweite Heimat und natürlich ihre Tochter.