Vor 28 Jahren verlor Max Stenz seine Ehefrau Jeannine. Die Flugbegleiterin kam beim Swissair-Absturz bei Halifax ums Leben. Der damals 45-Jährige musste nicht nur mit dem Verlust seiner Frau leben, sondern auch die beiden Söhne alleine grossziehen.
Chiara Schmed
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Max Stenz zu Hause in seinem Garten in Adliswil ZH. Hier wohnte er bereits vor 30 Jahren mit Jeannine.zVgJeannine und Max in glücklichen Zeiten – das verliebte Paar genoss jeden Moment.Chiara SchmedKleinarbeit: Die abgestürzte Swissair-Maschine wurde aus den Trümmern Stück für Stück rekonstruiert.keystone-sda.chEtwa neun Kilometer südwestlich des Fischerdorfes Peggy’s Cove stürzte das Flugzeug ins Meer.keystone-sda.ch
Am 3. September 1998 war Max Stenz (73) wie gewohnt bei der Arbeit, als plötzlich sein Natel klingelte. «Wo ist Jeannine?», erkundigte sich ein guter Freund nach Max’ Ehefrau. «In New York», antwortete der selbständige Architekt. Jeannine Pompili († 42) arbeitete damals als Swissair-Flugbegleiterin. «Am besten gehst du nach Hause», riet ihm sein Freund – im Radio sei soeben von einem gravierenden Flugzeugunglück berichtet worden.
Max Stenz fuhr sofort heimwärts Richtung Adliswil ZH. An seiner Türe warteten bereits zwei Leute der Swissair. «Das war der grosse Schock», erinnert sich der zweifache Familienvater. Sie überbrachten ihm die tragische Nachricht: Jeannine Pompili ist nicht mehr am Leben.
Am Vorabend, dem 2. September 1998, geschah das schwerste Unglück in der Geschichte der Swissair: Eine Maschine, die sich auf dem Weg von New York nach Genf befand, stürzte vor der Küste von Halifax (Kanada) ins Meer. Alle 215 Passagiere und 14 Besatzungsmitglieder, darunter auch Jeannine Pompili, kamen dabei ums Leben. Die Geschichte der Angehörigen wurde nun verfilmt: «111 Echoes from Halifax» läuft ab sofort in den Schweizer Kinos.
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«Wie ein Erdbeben»
Eine Welle von Emotionen überrollte den damals 45-Jährigen. «Es fühlte sich an wie ein Erdbeben.» Max Stenz, der sich sonst als ein «eher trockener Typ» bezeichnet, konnte nicht begreifen, dass seine Jeannine so unverhofft aus dem Leben gerissen worden war. Das Paar war 14 Jahre lang verheiratet gewesen. «Am härtesten war es, meine beiden Söhne zu informieren.» Um 11.30 Uhr kamen der damals 11-jährige Philipp und der 13-jährige Nico von der Schule nach Hause. Von ihrem tränenüberströmten Vater erfuhren die beiden, dass sie ihr geliebtes Mami nie wiedersehen würden.
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Dieser Donnerstag veränderte alles auf einen Schlag. Ab sofort musste sich Max Stenz ohne Jeannine um die gemeinsamen Kinder kümmern. «Sie hat immer mit angepackt, war eine Problemlöserin und super Köchin.» Obwohl ihm Hilfe angeboten wurde, sorgte er sich alleine um die Knaben. Und gerade diese Verantwortung wurde zu seiner grössten Stütze: «Ich hatte keine Zeit, mich selbst zu bemitleiden.»
Psychologin konnte nicht helfen
An die Zeit kurz nach dem Unglück kann sich Max Stenz kaum erinnern. Ein halbes Jahr lang sei er wie erstarrt gewesen, konnte nicht zur Arbeit erscheinen. Auch sein geliebtes Hobby, die Musik, konnte er nicht wirklich verfolgen. Er war damals Teil einer Country-Band, doch «die Konzerte spielte ich eher mechanisch». Gelähmt vom Unfalltrauma konnte er zehn Jahre keine Lieder mehr komponieren. Mit Hilfe einer Psychologin versuchte er, das Geschehene aufzuarbeiten – vergebens: «Nach zwei Sitzungen ging ich nicht mehr hin.» Die Trauer verarbeitete er für sich, auf seine eigene Art.
Auch mit seinen beiden Söhnen sprach er nicht viel über das Trauma: «Wir drei sind alle eher ruhige Typen.» Viele Worte habe es auch nicht gebraucht: Sie verstanden sich auf einer «trockenen Ebene». Auch wenn es anfangs im Hause Stenz lediglich Dosenravioli zu essen gab, brachte dieser Schicksalsschlag schliesslich Vater und Söhne näher zueinander.
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Eine grosse Stütze war der damalige Swissair-Personalchef, Matthias Mölleney (66). «Wir kommen dann zu Ihnen, wenn niemand mehr kommt», versprach er bei Jeannines Beerdigung. Mölleney hielt sein Wort und besorgte beiden Söhnen eine Lehrstelle. Heute arbeitet einer als Psychologe, der andere ist im Immobilienbusiness tätig. «Ich bin froh, konnten die beiden einen guten Weg einschlagen», so Max Stenz.
Auch 28 Jahre nach dem Schicksalsschlag sagt Stenz: «Diese Wunde in der Seele bleibt für immer.» Das Trauma holt ihn auch heute im Alltag immer wieder ein. Wenn ihn jemand fragt: «Wie hast du das deinen Kindern erzählt?», erlebt er jeweils einen Schockmoment und bekommt Hühnerhaut.
Viele Jahre brauchte es, bis Stenz nach dem Unglück sein Herz für eine neue Frau öffnen konnte. Mit ihr ist er seit zehn Jahren in einer Partnerschaft. Auch sie hat früh ihren Mann verloren. Aber: «Wir haben beide unsere Vergangenheit nicht vergessen», stellt er klar.